'Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier', schießen mir spontan die Zeilen aus Nina Hagens Klassiker 'Ich glotz TV' durch den Kopf, als ich das Atelier von Sven Hohmann alias Lisnoir betrete. Kein Zweifel: Der Künstler, schon der zum Christopher Street Day 2013 in Duisburg die rosarote, plüschige Brücke der Solidarität an Oberbürgermeister Sören Link verliehen hat, treibt es im wahrsten Sinne des Wortes gerne bunt. Das weckte in mir die Neugier auf diese schrecklich-schönen, schrägen, schrillen und – haaach ja, irgendwie so was von schwulen Werke, dass ich mehr über deren Schöpfer erfahren möchte.

Ob CSD im Ruhrgebiet oder in Köln, die Termine stehen fest im Terminkalender des Paradiesvogels, dem mit seinen Werken die Aufmerksamkeit der Besucher stets sicher ist. Viele der Stücke hier fristeten zuvor in irgendeinem feuchten Keller oder auf irgendeinem muffigen Dachboden ihr Dasein, bis sie vom 41-Jährigen wieder entdeckt, vom Staub der Jahrzehnte befreit und zu neuem Leben erweckt wurden. Dann gibt’s plötzlich Blinki-Blinki-Hirschgeweihe mit ganz viel glitzerndem Strass: „Ich gebe ihnen Charaktere wie Cancan-Bob oder Miss Texas.“ Oder das alte Kruzifix, das in Neonfarben als 'Samba-Jesus' – man möge dem Autoren dieses Beitrags das Wortspiel verzeihen - wiederaufersteht. „Ich wollte den alten 'Gelsenkirchener Barock' einfach völlig anders aussehen lassen“, beschreibt Sven die Idee hinter seinen Kreationen, „aus den Gräbern der Vergangenheit wieder zu neuem Leben erwecken.“

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Derlei Blasphemie ruft natürlich auch kritische Stimmen auf den Plan. „Irgendwann habe ich den Spaß daran entdeckt, ein wenig zu schockieren. Im Mittelalter wäre ich bestimmt gesteinigt worden. Dabei feiern die religiösen Menschen doch gerne bunt und ich will da eigentlich gar nicht so viel hinein interpretieren. Ich erinnere mich aber, dass mein bester Freund regelrecht aus der Kirche heraus gemobbt wurde, nur weil er schwul ist.“ Allerdings gab es auch andere Stimmen, wie den Pfarrer, der total positiv auf seinen mutigen Umgang mit dem Kruzifix reagiert hat.

Er weiß: Seine Kunst gefällt, oder sie gefällt nicht. "Ein dazwischen gibt es nicht.“ Der Ruf des Duisburgers hat sich inzwischen sogar international herumgesprochen, so dass 2015 eine Ausstellung im fernen Shanghai zustande kam. „Meine schrillen Werke kamen dort gut an und es gibt inzwischen sogar die ersten Gay-Bars dort.“ Die Asiaten kamen inzwischen zum Gegenbesuch und haben Lisnoir erneut eingeladen.

Und das nächste Projekt ist bereits in Planung: Unter dem Motto 'Wenn die Leinwand nicht mehr reicht' richtet sich der Blick des Künstlers nun auf das Body-Painting. „Das könnte man auch als Event in einer Szenekneipe durchführen.“ Aus den Motiven soll dann ein schwuler Kalender entstehen, in dem der Künstler aber keine Klischees bedienen will: „Bitte keine Muskelprotze und Styleomaten.“ Alle anderen Interessenten, die sich so verewigen lassen möchten, können sich per Mail unter info@lisnoir.de melden.

„Meine Freunde sagen immer, ich sei der tuckigste Hetero, den sie kennen“, schließt Lisnoir das Gespräch. „Ich weiß gar nicht, wie alle darauf kommen, vermutlich, weil ich fast nur schwule Freunde habe - dabei bin ich gar nicht schwul.“ Spricht's gelassen aus, um sich vor den Fotoaufnahmen zu diesem Beitrag noch eben rasch die Fingernägel frisch zu lackieren...

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Kontakt:
Sven Hohmann
Lisnoir
Galeria Kaufhof
Düsseldorfer Str. 32
47051 Duisburg
Mail:
info@lisnor.de
Öffnungszeiten:
Montag bis Mittwoch: 10 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung

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Akzeptanzpreis für Sören Link: Pink, plüschig und mit Strass-Steinchen besetzt

(Beitrag von Peter Dettmer im Auftrag für Gay.de) 


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