Alex Hopkins spricht mit schwulen Single-Männern über ihre Versuche, Beziehungen einzugehen. Was hat sich geändert und was sind die Herausforderungen, die ihnen heute begegnen?


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Mit dem Alter wird auch der Erwartungsdruck höher: der gesellschaftliche Druck, der uns sagt, wer wir zu sein haben, was wir zu tun haben und was wir besitzen müssen. Aber vielleicht ist die Erwartung nach einer stabilen, langfristigen Beziehung, die drückendste aller dieser Zwänge.
Als ich mit langsamen Schritten auf die Vierzig zu ging, verfolgte mich mein Singledasein zunehmend. Wie konnte das nur passieren? Warum haben die vergangenen Beziehungen, die in der Regel nur kurz anhielten, nicht funktioniert?
In einigen Momenten denke ich darüber nach. Was ist mit mir los? Werde ich jemals diesen „Seelenverwandten“ finden, von dem alle immer wieder sprechen?

Dann hole ich tief Luft und schaue die schwulen Männer um mich herum genau an. Ich kenne einige, die in einer langfristigen, glückliche Partnerschaften sind. Einige hatten gute Beziehungen, doch sind jetzt auch Single. Andere sind in offenen Beziehungen. Und dann gibt es diejenigen, die bereits über einen längeren Zeitraum Single sind. Ich wollte über die Vielfalt von schwulen Männern sprechen – von verschiedene Generationen und Hintergründen – darüber, was es bedeutet, heutzutage Single zu sein. Single in einer Zeit, der spontanen Sexdates, aber paradoxerweise auch in einer Zeit, in der schwule Männer auch mehr Rechte als je zuvor genießen. Der gleichgeschlechtlichen Ehe zum Beispiel.

Gibt es jetzt mehr schwule Single-Männer?
Chris ist 53 und lebt in New York City. Er hat sich mit 17 geoutet und hatte mehrere Beziehungen zwischen ein bis vier Jahren. Als er älter wurde, wurden die Lücken zwischen den Beziehungen größer. Er ist bewundernswert offen über die möglichen Gründe dafür.
„Ich bin verletzt worden und war nicht bereit mich einer anderen Person anzunähern. Es gab jede Menge Verlust in meinem Leben, deswegen hab ich Engagement vermieden.“
Der Druck von Leben und Überleben in einer Stadt wie dieser, hatte einen großen Einfluss auf Chris´ Fähigkeit eine Beziehung zu finden und zu erhalten. Nachtarbeit bedeutete, dass seine freie Zeit nicht synchron mit vielen Männern war. Zur Zeit pflegt er zudem noch einen Verwandten. Glaubt er, dass jetzt mehr schwule Männer Single sind im Vergleich zu vor 35 Jahren? - frage ich.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es mehr Single-Männer gibt, doch ich denke, dass es mehr Druck und Kontrolle gegenüber Single-Männern gibt - u.a. wegen der gleichgeschlechtige Ehe. Dies ist die dunkle Seite von denen, die für eine normative Agenda kämpfen. Ironischer Weise gibt es aber auch so viele verheiratete in Beziehungen lebende Männer in den Dating-Apps.“, lacht er.

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Apps und gleichgeschlechtige Ehe
Rob, 41, hat weniger erfolgreiche Beziehung hinter sich wie Chris: „3 Monate hier, drei dort. Es hat bislang einfach (noch) nicht geklappt. Nach 24 Jahren. Ich will nicht pessimistisch klingen“, sagt er, lächelt und scheint etwas nervös. Als er sich im Jahr 1991 outete, gab es keine Apps wie Grindr und sozialen Kontakte zu schwulen Männern waren auf Bars beschränkt. Er glaubt, dass es heute wesentlich einfacher ist Leute zu treffen.
„Heutzutage, trotz gleichgeschlechtiger Ehe oder zumindest Partnerschaften, ist es aus meiner Sicht eine Frage der Ethik und des Aussehens, wer eine Beziehung hat, bei einem schnellen, unkomplizierten Date erfolgreich ist und wer seinen „Mr. Right“ wirklich trifft. Die Welt ist eben schnelllebiger geworden.“
Glaubt er, dass die Apps einen nachteiligen Einfluss auf die Partnersuche haben?

„Sind wir ehrlich: Grindr funktioniert über den ersten Eindruck, das Gesehen werden. Ironischer Weise hat es aber auch den Wert eines schönen Körpers vermindert. Gutes Aussehen ist immer noch wichtig, aber es gibt immer einen der besser ist als du. Ich denke es geht teilweise zu, wie auf einem Viehmarkt. Angebot und Nachfrage bestimmen, was du wert bist. Und am Ende schwindet dein Selbstwertgefühl oder wird verstärkt. Je nach dem, wie deine Erfolgsquote ist ;-).“
Rob ist begierig, seine Kommentare über die gleichgeschlechtige Ehe zu erweitern. Er glaubt, dass sie einen großen Einfluss auf die Dating-Arena hatte.

„Früher habe ich mich gefragt, ob die gleichgeschlechtige Ehe die Dynamik in Richtung einer langfristigen, romantischen Beziehungen ändern würde. Ich dachte, dass wir alle dabei gewinnen würden - besonders diejenigen, die einen Partner fürs Leben suchen. Ich bin mir jetzt nicht mehr so sicher. Ich mache mir Sorgen, dass ein neuer Konservatismus sich in schwule Beziehungen eingeschlichen hat. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber es ist nicht für jedermann.
Wir müssen unsere Vielfalt anerkennen – und dazu gehört auch Dating – wenn wir ein Partner wollen oder wir als Single glücklich sind. Und wie wir miteinander umgehen.“

Miteinander reden
Jason, 39. Jim erzählt mir von seiner Erfahrung mit Apps und das es scheint, dass Männer ihre kritische Intelligenz an der Tür abgeben, wenn sie Online interagieren.
„Ich denke, dass die Apps die Kunst der Konversation getötet haben. Nach meiner Erfahrung haben wir viel von dem „sich kennenlernen“ in der Online-Welt verloren – und das ist echt traurig.“
Jason hatte noch nie eine langfristige Beziehung. Seine beiden längsten Beziehungen hielten ein Jahr in einem Fall und drei Monate in dem anderen. Beide waren Fernbeziehungen. Im Laufe des Jahres hat er eine Vielzahl von Clubs besucht, um andere Männer zu treffen und statt mutlos zu sein, weil er Single ist, genießt er das Leben durch persönliche Kreativität und Freunde. Er findet dieses befriedigender als einige der zweifelhaften Verhalten, denen er während des Online-Dating begegnet ist.“
Und er hasst es, wenn Tunten mittleren Alters sich immer wieder als heterolike und U35 Ausgeben, in Wirklichkeit aber ranzig und jenseits der 60 sind.

Trotz vieler Enttäuschungen bei der Partnersuche, sitzt Jason immer noch da draußen – sowohl in der realen Welt, wie in der traditionellen Welt der Dating-Websites wie Gay.de. Auf Apps verzichtet er und blickt in die Zukunft: „Ich bin kein Fiasko in Sachen Beziehungen. Es ist nur, dass ich mir die Bedingungen nicht so vorgestellt habe und es vielleicht einfach nicht mein Weg ist.“

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Es geht nicht alles um zufälligen Sex

Tom, 28, ist der jüngste Mann mit dem ich spreche. Er hatte seit dem Jahr 2005 „fünf richtigen Beziehungen“ – die letzte im Jahr 2012. Im Gegensatz zu Chris und Jim glaubt er nicht, dass die gleichgeschlechtige Ehe mehr Druck auf schwule Männer ausübt.
„Ich glaube, dass die Leute immer freier werden in dem was sie tun. Die möchten nicht gedrängt oder gar zu etwas gezwungen werden, was ihr Leben zum Besseren oder Schlechteren beeinflussen kann. Ich denke aber auch, dass wenn man heute in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt, der Druck zu „heiraten“ gestiegen ist.“
Toms Generation wird oft vorgeworfen, dass sie süchtig nach anonymen Sexist , dass wie gesagt wird von den zahlreichen Dating-Apps gefördert. Seine Erfahrungen und die seiner freunde und seiner Kollegen bestätigen dies nicht.
„Die Apps haben meine Fähigkeit fürs Dating oder Beziehungen einzugehen nicht verändert. Aber ich kann mir vorstellen, dass einige Menschen von ihnen abhängig sind und es folglich schwieriger ist, sich Leuten in realen Situationen zu nähern. Ich habe viele schwule Freunde, die nicht wirklich den Wunsch hegen, einen Partner zu finden.“ Warum glaubt er, dass er derzeit Single ist?

„In der Regel gehe ich nicht viel aus denn ich mag nicht, wie ich derzeit aussehe und es ist etwas, was ich überwinden muss,“ gibt er zu und verweist auf den Body-Fetisch, von dem schwule Männer in der digitalen Zeit bombardiert werden. Und wie bei Chris ist der Job schuld daran, dass Tom wenig Zeit hat, neue Leute zu treffen. „Aber das wird sich ändern, ich will es ändern, denn ich geh auf die Dreißig zu und möchte wieder mehr Dates haben.“

Und jetzt mit fast 40 (einatmen!), suche ich das auch. Wieder raus gehen, Dates haben. Ja, mit dem technischen Fortschritten und der Diskussion um die gleichgeschlechtliche Ehe sieht die Dating-Landschaft deutlich anders aus, als vor 18 Jahren als ich mich outete, aber die Art und Weise wir uns als Menschen behandeln sollte gleich sein. Ich fühle mich gewappnet und muss mir keinen Kopf darüber machen, ob ich nun Single bin oder nicht.
Wir alles sollten unser Leben selbst in die Hand nehmen und eigenen Entscheidungen treffen. Letztlich kommt es darauf an, wie wir und selbst und anderen begegnen und wertschätzen - egal aber als Single oder in einer Beziehung.

„Wir kriegen unsere eine Chance im Leben, also warum auf eine andere warten? Wir sollten das Leben genießen“, sagt Rob für mein Schlusswort.

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2 Kommentare

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tanne

Geschrieben · Melden

ein gruppenfoto auf der komode???

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Geschrieben · Melden

Single zu sein, kann definitiv in sehr unterschiedlichen Welten stattfinden. Einige genießen ihre Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie wollen, und zu daten, wen sie gerade interessant finden, und sind damit glücklich. Single zu sein, muss aber nicht zwingend bedeuten, dass man 'aktiv' lebt. Viele bleiben zwangsläufig single, trotz Bemühungen, Partner kennen zu lernen, da in der Regel das Aussehen und das, was man zu bieten hat, darüber entscheiden, ob man findet, wen man möchte, oder ob man von einem ausgesucht wird, in den man sich selbst auch verliebt. Wie geschrieben steht, suchen viele nicht nach einem Partner oder nach Beziehungen. Sie fühlen sich wahrscheinlich ungezwungener dadurch, diese Art Lebensstil zu behalten, zumal es heute nicht notwendig ist, um Sex zu erleben, eine Beziehung aufzubauen. Wenn Sex zu den zentralen Achsen eines Lebens in Freiheit gehört, ist er für ungebundene Männer je nach Wert auf dem "Fleischmarkt" malö einfacher, mal weniger einfach erreichbar. Ich weiß nicht, wie viele Schwule zwangsläufig oder unglücklich single bleiben, weil sie trotz aller Mühen, inklusive exzessivem Body-Sport oder operativen, kosmetischen Hilfswegen nicht zum Zuge kommen. Aber es gibt auch freiwillige Enthaltsamkeit, sich aufsparen für den Mister Right, und auch nicht unglücklich sein, wenn er nie auftaucht. Solche Fälle sind wohl rar, denn den meisten Männern wohnen Sehnsüchte nach entweder Zärtlichkeit, Freundschaft, Beziehung oder Sexuellem inne, und es gestaltet sich real schwierig, ohne all diese Dinge erreichen zu können, trotzdem zufrieden zu sein. Der Artikel bezieht siich teils auf die Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe, die in Deutschland nicht existiert, da wie bekannt vor allem von der CDU blockiert wird, die sich für ein gesetzliches Festschreiben der Ehe einzig für Mann-Frau-Paare engagieren. Ich glaube nicht, dass die Möglichkeit zur schwulen Ehe mehr Druck auf Männer ausübt, zu heiraten. Es gibt unter Schwulen so viele verschiedene Lebensformen und Lebensgestaltungsmodelle. Die hoffentlich auch hier irgendwann reale Eheberechtigung ist nur für einen bestimmten Prozentsatz auch attraktiv. Ich schätze nicht, dass viel mehr heiraten werden, als die es bisher sich wünschen, dass sie könnten, aber die Vorteile könnten einige mehr dazu verlocken, und ich finde es wichtig, dass jeder erwachsene Mensch die Möglichkeit hat, ebenwert zur Ehe berechtigt zu sein. Das ist viel wichtiger, als die Zahl der Männer, die dann auch faktisch heiraten würden, alsbald die volle Gleichberechtigung erreicht ist!

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