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Minotaurus

Umschwung für deutsche Schwule

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Minotaurus
Geschrieben

Lang hat's gedauert. Viel zu lange. Über ein halbes Jahrhundert. Doch endlich ist auch ein bißchen Vernunft in die Politik eingekehrt. Denn nun hat der Bundesrat eine Initiative gestartet: Tausende Homosexuelle sollen rehabilitiert und sogar entschädigt werden.
Über Jahrzehnte hinweg wurden sie in Deutschland verfolgt und bestraft, von der Polizei überwacht und drangsaliert, und das alles, weil die Justiz - die eh immer hinter der gesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt - sich an den berüchtigten, von den Nazis noch verschärften § 175 klammerte. Zwar ist seit 1994 der Schandparagraph endgültig aus dem Strafgesetzbuch entfernt worden, doch bislang gab es keinerlei Entschädigung für die Verurteilten. Das soll jetzt anders werden, auch wenn der Umschwung für deutsche Schwule oftmals zu spät kommt. Die Süddeutsche Zeitung erläutert heute in einem ausführlichen Artikel die Homosexuellenverfolgung in der Bundesrepublik und in der DDR und stellt die neue Bundesratsinitiative vor.

Der Artikel kann hier gelesen werden:

http://www.sueddeutsche.de/politik/bundesratsinitiative-berlin-will-tausende-homosexuelle-rehabilitieren-1.1335067

Geschrieben

Minotaurus und Silberblick freuen sich, dass wieder "ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte" ( eigentlich gibt es da ja nur dunkle Kapitel!) geschlossen wird. Ich nicht. Ich bin überhaupt nicht so sicher, dass mit der Initiative der Frau Senatorin für Arbeit , Integration und Frauen Dilek Kolat Vernunft in die Politik eingekehrt ist, wir also wieder einen großen Schritt auf dem Triumphweg des Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit getan haben.
Warum muss ich wieder Wasser in den minotaurischen Freudenwein gießen? Nun , man höre die Begründung der "Süddeutschen Zeitung" : "Heute sei klar, dass dies ( der Paragraph 175) gegen fundamentale Menschenrechte und das Grundrecht der Freiheit der Persönlichkeit verstoße" Da haben wir wieder die Wundertüten, aus denen man heutzutage alles Mögliche zaubert, die hehren Abstraktionen "Menschenrechte", "Grundrechte", "Freiheit", , aus denen sich alles "Klar" ableiten lässt. Leider kann man aus diesen Wundertüten nur hervorzaubern, was man vorher klammheimlich hineingesteckt hat.
Die Frau Senatorin wird noch manches für ihre Klientel aus den Wundertüten hervorzaubern. Wer weiß, was noch alles zu den "Menschenrechten" der Frauen, Türken,sozial Schwachen zählt!?


Geschrieben

Sinnvoller als die dogmatische Berufung auf höhere Instanzen und Hinterwelten wäre eine generöse, wohlwollende Haltung gegenüber der Sexualität und all ihren Spielarten, durch die, sofern sie ohne Zwang und Gewalt ausgeübt werden, niemandem ein Leid geschieht. Homosexualität muss nicht als heiliges Menschenrecht daherkommen; es würde genügen, wenn man zugäbe, dass sie dem einen oder anderen Freude macht und schon deswegen frei sein muss.


Geschrieben

Lieber@Nackig, ich freue mich über deinen Beitrag, gibt er mir doch die Gelegenheit, noch einmal deutlich zu sagen, dass ich selbstverständlich für die Abschaffung des Paragraphen bin. Ich verkenne auch nicht ,was dies für eine ungeheure Bedeutung für das Leben der Schwulen in Deutschland gehabt hat.
Nur ist dieser Umschwung das Resultat einer politischen Entscheidung. Wir leben nach einem anderen Lebensmodell als die Generationen vorher. Ein Modell mit vielen Vorzügen, für die man aber auch Defizite in Kauf nehmen muss.Frühere Generationen lebten nicht in Schande mit einem" Schandparagraphen", litten auch nicht an einem Mangel an Urteilskraft und konnten daher aus "klaren" Begriffen nicht die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Sie hatten andere Ideale. Wohin uns unsere Ideale und Lebensmodelle führen, das wissen wir jetzt nicht. Die Zukunft wird es zeigen.


Minotaurus
Geschrieben

Wenn die Vernunft Kobolz schlägt, dann kann sogar aus der Schwulenfeindlichkeit ein "Lebensmodell" werden, wie uns @Nuwas darzulegen versucht. Für das angebliche Lebensmodell der Generationen vorher mussten also "Defizite" in Kauf genommen werden, wie @Nuwas die Verfolgung der Schwulen unanständigerweise verharmlost. Wie diese "anderen Ideale" (der pure Hohn für teils tödliche Homosexuellenverfolgung!) dieser Generationen ausgesehen haben, mag sich @Nuwas zu Gemüte führen bei der Lektüre von Heinz Heger "Die Männer mit dem rosa Winkel" und Joachim S. Hohmann, Herausgeber, "Der unterdrückte Sexus - Historische Texte und Kommentare zur Homosexualität".

@Nuwas will uns wohl weismachen, es sei gesamtgesellschaftlicher Konsens gewesen, wenn Ferdinand Geminian Wanker (1758 - 1824) im zweiten Band seiner ""Christlichen Sittenlehre" behauptet: "Sodomie und Päderastie ist größten Theils eine Folge des im Umgange mit Personen des andern Geschlechts übersättigten wollüstigen Triebes." Dass der vom preußischen Landrecht ins deutsche Strafgesetzbuch 1877 übernommene § 175 sehr wohl als Schandparagraph angesehen wurde und dessen Abschaffung sich sogar renommierte Juristen wie Gustav Radbruch auf die Fahnen geschrieben hatten, das scheint offenbar ins seltsame Weltbild von @Nuwas nicht zu passen. Stattdessen werden wir abgespeist mit dem schnöden Wort "Defizite", ganz so, als handle es sich bei der jahrhundertelangen, kirchlichen und teilweise staatlichen Schwulenhatz um eine zu vernachlässigende Kleinigkeit, ähnlich einem unerwünschten Unkraut im sorgsam gepflegten Kräuterbeet.

Es bedarf schon einer gehörigen Portion Langmut, ohne Zornesausbruch die - um höflich zu bleiben - krausen sozial-, kultur- und justizhistorischen Thesen von @Nuwas hinzunehmen. Doch andererseits beruhen diese Thesen augenscheinlich 1. auf einem eklatanten Mangel an diesbezüglicher Kenntnis der Fach- und Sachliteratur, und 2. auf einem antediluvianischen Weltbild, das die Aufklärung für eine "himmelschreiende Sünde" hält, zumal Ferdinand Probst (1816 - 1899) in seiner zweibändigen Katholischen Moraltheologie die Homosexualität unter dem Begriff "Widernatürliche Unzucht" ebenfalls zu den "himmelschreienden Sünden" zählt.

Wie sehr @Nuwas einer durch und durch reaktionären Weltsicht anhangt, erhellt aus seinem, ihn demaskierenden Satz: "Da haben wir wieder die Wundertüten, aus denen man heutzutage alles Mögliche zaubert, die hehren Abstraktionen "Menschenrechte", "Grundrechte", "Freiheit" . Esoteriker mögen ja der Auffassung zuneigen, bei @Nuwas handle es sich um einen Wiedergänger jener frommen Eiferer und Bußprediger, die sich nicht genug tun konnten, das "Höllengezücht" der Schwulen zu verdammen. Doch in diesem Falle hätte es sich angeboten, statt @Nuwas den Nick "Savonarola" zu wählen. Der Peinlichkeit, dass ausgerechnet eine Frau die fällige Rehabilitation der strafrechtlich verfolgten Schwulen angestoßen hat, widmet @Nuwas kein Wort, höhnt aber ungeniert: "wir also wieder einen großen Schritt auf dem Triumphweg des Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit getan haben" . Jetzt fehlt nur noch der Wunsch, der § 175 möge wieder eingeführt werden, damit die "Ideale" vergangener Generationen, die @Nuwas so in den Himmel hebt, fröhliche Auferstehung feiern können in der heutigen Gesellschaft, nach dem Motto: "Schwulenfeinde an die Front! Her mit den Scheiterhaufen für das Gesocks der schwulen Unzuchtsschweine!"

Geschrieben

@ Minotaurus hat wieder zugeschlagen, mit dem kalten Blut und der rationalen Distanziertheit, die schon dem Tier im Labyrinth zu Knossos zu Gebote stand.Er schlägt auf einen Popanz ein,den er sich selbst erschaffen hat, damit die eigene Fortschrittlichkeit im rechten Licht erscheine.
Ich habe oben gesagt, dass ich die Abschaffung des Paragraphen ( selbstverständlich !) begrüße.Sieht das nach einem Moralpädagogen des 19. Jhdts. aus oder gar nach Savonarola ?? Ich sprach von Defiziten, die wir in Kauf nehmen müssen, wenn wir die Vorzüge unseres modernen (individualistischen) Weltmodells genießen wollen. Wie kommt @Minotaurus dazu, diese Defizite mit Schwulenhatz zu identifizieren und mir eine Sympathie für solche Schwulenfeindlichkeit zu unterstellen? Das Hauptdefizit unseres "Weltmodells" hat Cohn- Bendit einmal freimütig genannt. Unsere Gesellschaft ist hart, grausam und ohne Solidarität. Damit müssen wir leben! Das ist der Preis des Individualismus.
Ich lehne das Fortschrittsdenken ab, soweit es blind ist für die Opfer, die wir für den "Fortschritt" zu zahlen haben.Ich glaube, dass jede Epoche "unmittelbar zu Gott" ist, wie Ranke es formulierte. Keine Epoche ist mehr als die andere, jede hat ihre Vorzüge, jede ihre "Defizite." Die Defizite unseres "Modells" haben wir im vorigen Jahrhundert erlebt und werden sie noch weiter erleiden müssen.


Geschrieben


@Minotaurus hat wieder zugeschlagen



Ein echter @Minotaurus eben! Erst wird eine Position falsch dargestellt, dann wird dem (angeblichen) Vertreter dieser Position Unwissenheit unterstellt, weil er diesen oder jenen Schmöker von Anno Tobak (angeblich) nicht kennt. Anschließend wird er mit (angeblichen) Ergebnissen der Wissenschaft erschlagen. Die Wissenschaft hat aber nicht in diesem oder jenem Sinn zu werten, sondern nur Tatsachen festzustellen. Tatsache ist, dass sie selbst ein historisches Gebilde ist, das keinem linearen Fortschritt unterliegt, und dieselbe Frage mal so und mal so beantwortet wird. Mein "Knaurs Konversationslexikon" von 1932 weiß unter dem Stichwort "Homosexualität" die Auskunft zu geben: "Krankhaftes, auf das eigene Geschlecht gerichtetes geschlechtliches Verlangen". So sah man das also vor 80 Jahren, und das galt als Wissenschaft. Heute sieht man es anders. Die Verhältnisse haben sich geändert. Man wird aber nicht behaupten können, dass diese andere Sicht der Dinge "klar bewiesen" sei und sich die "Vernunft" durchgesetzt habe. Man wertet nur anders. Morgen wird man wieder anders werten. Gestern tat man die Homosexualität als "krankhaft" in Acht und Bann, heute ist sie ein "Menschenrecht". Beide Wertungen lassen von unschuldiger Freude an der Geschlechtslust wenig erkennen. Man sieht regelrecht, wie auch bei Freund @Minotaurus, den erhobenen Zeigefinger.


Minotaurus
Geschrieben

Nein, @Nackig, so sah man das mit der Homosexualität keineswegs durchgängig vor 80 Jahren. Was für eine auserlesen krude, wissenschafts- und rechtshistorische Narrheit willst Du uns denn unterjubeln? Als vorgeblichen Beweis zitierst Du einen Eintrag in dem angeblichen Fachorgan "Knaurs Konversationslexikon" von 1932. Soll ich jetzt sagen, das wäre auch ein "Schmöker von Anno Tobak"? Wie borniert muss man eigentlich sein, um all das, was vor unserer Generation geschehen ist und entdeckt wurde, als olle und uninteressante Kamellen zu bezeichnen? Ohne das von Johannes Kepler im frühen 17. Jahrhundert entdeckte, sogenannte Planetengesetz gäbe es keine Weltraumfahrt, wie die NASA das selbst formuliert hat, und ohne die bahnbrechenden Arbeiten von Semmelweis, Pasteur und Robert Koch wäre ein Millionenheer von Menschen frühzeitiger gestorben. Alles nur Dinge von "Anno Tobak"?

Und nun wollen wir mal aufräumen mit der Geschichtsklitterung, die @Nackig in Bezug auf die Homosexualität betreibt. Dabei kann dem wackeren, aber durch und durch unkundigen "Praktiker" @Nackig ein historischer Rückgriff nicht erspart bleiben. Die dem Deutschen Reichstags 1897 erstmals vorgelegte und bis in die 20er-Jahre immer wieder eingebrachte Petition zur Abschaffung des § 175 weist u.a. hin auf die Aufhebung ähnlicher Strafbestimmungen in "Frankreich, Italien, Holland und zahlreichen anderen Ländern" (Originaltext der Petition). Ebenso wird die wissenschaftliche Forschung, "namentlich auf deutschem, englischem und französischem Sprachgebiet", ausdrücklich erwähnt, die sich "innerhalb der letzten zwanzig Jahre sehr eingehend mit der Frage der Homosexualität beschäftigte." Spätestens seit den Arbeiten von Sigmund Freud hat sich die Sicht auf die Psychopathologie der Sexualität, und damit auch der Homosexualität, einem gravierenden Wandel unterzogen.

Richtig aber auch ist, dass insbesondere Theologen aller Couleur und konservative Ärzte (diese meist ohne sexualwissenschaftliche Kenntnisse) an der Be- und Verurteilung der Homosexualität festgehalten haben und es teilweise bis heute tun. So hat der protestantische Schweizer Theologe und selbsternannte Sexualtherapeut Theodor Bovet in seinen massenhaft verbreiteten "Aufklärungsschriften" noch in den 50er-Jahren die Homosexualität als "widersinnig" bezeichnet. Und auch heutzutage gibt es noch genügend sogenannter Sexualtherapeuten, die "Heilung" von Homosexualität versprechen. Dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation der UNO) erst zu Beginn der 90er-Jahre die Homosexualität aus der Liste der Krankheiten gestrichen hat, das ist schlimm genug.

Wenn der selbst schwule Verteidiger der Homophobie @Nackig meinen Beitrag sorgfältig gelesen hätte (was er offensichtlich aus Selbstschutz nicht getan hat), dann hätte er auch den Verweis auf Gustav Radbruch gesehen. Radbruch hat sich als Justizminister der Weimarer Republik vehement für eine Abschaffung des § 175 eingesetzt, und der Reichstag würde trotz Widerstands der katholischen Zentrumspartei und der NSDAP dieses Gesetzesvorhaben auch gebilligt haben, wenn dann nicht im Januar 1933 die Nazis an die Macht gekommen wären. Das ist Konsens unter Rechtshistorikern, wie sich @Nackig auch anhand der diversen Aufsätze in der NJW (die "Bibel" der Juristen) unschwer informieren könnte. Aber Informationen, die in das schlampig zusammengeschusterte Weltbild des homophoben @Nackig nicht passen, werden einfach unterschlagen, ausgeblendet oder von vornherein schon gar nicht wahrgenommen.

Nun stellt @Nackig völlig zurecht fest: "Die Wissenschaft hat aber nicht in diesem oder jenem Sinn zu werten, sondern nur Tatsachen festzustellen" . Wohl wahr - wenn sich unser Streiter wider die Homosexualität nur daran auch hielte. Doch das genau tut er nicht, weil sich sonst seine Theorie, die Homophobie sei eine moderne Reaktion auf den heutigen "schwulen Spaßmenschen", als das entlarvt, was sie tatsächlich ist: Ein grundalberner und verlogener Angriff auf die zigtausendjahrealte Homoerotik und die Homosexualität, bar jeglichen ernstzunehmenden Argumentationswertes. Dass überdies die grundgesetzlich verankerten Menschenrechte als lästiges Überbleibsel der Aufklärung geschmäht und verachtet werden, gehört zum abgefeimten Zynismus, den sich dieser angebliche "Praktiker" leistet. Ein typischer @Nackig eben.

Wundert's da noch jemand, dass @Nackig die nun angestoßene Rehabilitation der deutschen Schwulen nicht eines Wortes der Anerkennung für wert hält? Nun ja, von einem eingeschworenen Schwulenfeind ist kaum anderes zu erwarten. Aber muss für diese infame Form der Homophobie ausgerechnet ein Schwulenforum herhalten?

Ergänzung: Der immer wieder vorgelegten Petition (zur Abschaffung des § 175) im Reichstag wurde ab 1920 ein offizieller Nachtrag beigefügt. Unterschrieben haben ihn unter anderem: Albert Einstein, Iwan Bloch, E. Harnack, August Bebel, Franz von Liszt, Kurt Hiller, Harry Graf Keßler, Theodor Wolff, Ernst Bloch, Martin Buber, Karl Jaspers, Engelbert Humperdinck, Detlev von Liliencron, Ernst Barlach, GMD Leo Blech, Max Brod, Alfred Döblin, George Grosz, Hermann Hesse, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Thomas Mann, Rudolf Alexander Schröder, Friedrich Sieburg, Franz Werfel, Stefan Zweig und viele andere, darunter renommierte Naturwissenschaftler und Mediziner.

Geschrieben

Lieber @Minotaurus, du scheinst - aus guten Gründen - überlesen zu haben, was ich in meinem vorletzten Posting schrieb: Homosexualität muss frei sein, weil es Menschen gibt, denen sie Freude bereitet. Anders ausgedrückt: Da es Menschen gibt, die in ihr erotische Erfüllung finden, ist sie bereits gerechtfertigt. Eine hochtrabende Ableitung aus irgendwelchen Menschenrechten oder sonstigen modernen Dogmen muss gar nicht bemüht werden. Alles klar? Wenn du das für homophob hältst, hast du offenbar eine ganz spezielle Definition, der ich nicht abhelfen kann.

Den Mythos um den hl. Radbruch muss ich ein wenig aufhellen. Radbruch war nur von 1922-24 Reichsjustizminister, danach wieder Professor. Er hat zwar die Abschaffung des § 175 empfohlen - das ist richtig -, konnte damit aber nicht durchdringen. Die damalige sozialdemokratische Regierung nahm seinen Vorstoß einfach nicht auf. In ähnlicher Weise waren alle Versuche des "Wissenschaftlich-humanitären Komitees" von Magnus Hirschfeld seit 1898 abgewiesen worden. Unter der Regierung Luther wurde der Paragraph sogar noch verschärft! Nun gab es zwar 1929 eine Empfehlung des Strafrechts-Ausschusses, Homosexualität unter Erwachsenen abzuschaffen; allein die Republik von Weimar hatte sich in der Krisenzeit der folgenden Jahre mit anderen Dingen zu beschäftigen. Gustav Radbruch war jedenfalls nicht mehr beteiligt. Etwas anderes wird man in der NJW auch nicht finden.

Mein Konversationslexikon ist tatsächlich ein "Schmöker von Anno Tobak", aber aussagekräftig genug, um die vorherrschende Meinung der damaligen Zeit wiederzugeben. Andere Stimmen waren klar in der Minorität. Der von dir als Pionier einer neuen Perspektive angeführte Freud betrachtete die Homosexualität als eine neurotische Abirrung, eine Entwicklungsstörung. Der einzige ernsthafte Kopf, der ene andere theoretische Grundlegung schuf, nämlich Hans Blüher, entstammte dem konservativen Lager und hatte mit Menschenrechten nichts am Hut. Schade, was? Mit dem von dir, lieber @Minotaurus, in Angriff genommenen historischen Rückblick ist es also nicht weit her. Aber das kümmert dich wenig, wenn es, wie @Nuwas formuliert hat, auf einen Popanz einzuschlagen gilt, den du selbst geschaffen hast: in diesem Fall den des homophoben @Nackig. Aber so einfach mache ich es dir nicht.


Geschrieben

Worüber streiten wir hier? Verteidigt @Minotaurus Ansehen und Rechte der Schwulen gegen homophobe Leute wie @Nackig und@Nuwas, der eine ein bloß "Praktiker", der andere ein Obskurant? Was wollen homophobe Leute im Schwulenforum?
Das alles ist Unsinn.Wir freuen uns alle über das Verschwinden des Paragraphen, den man "Erpresser"-Paragraphen nennen sollte.- Wenn früher schwule Männer verfolgt wurden, geschah das, weil die "Wissenschaft" sich in dieser Richtung aussprach, auch weil sich in Religion und Weltanschauung eine uralte Verachtung der Homosexuellen niederschlug.Man forderte den Mann als Familienvater, als Garanten der Fortexistenz der Gemeinschaften.
Heute folgen wir anderen Werten. Das eigentliche Leitbild ist heute das "Weib", universaler begabt und eine perfektere Form Mensch als der Mann. Da dieser nun nicht mehr so wichtig ist, erlaubt man ihm nun sein schwules Vergnügen. Die Frauen halten die Welt bald ohne ihn in Gang.- Was also wie eine neue und tiefe Ableitung aus "Menschenrechten" erscheint (die nur der Mensch der Jetztzeit richtig versteht und die der westliche Mensch mit Gewalt der restlichen Welt aufzwingt), ist das Resultat politischer Entscheidungen, mit denen wir unsere Welt gestalten. Deshalb muss aber nicht derjenige, der früher gegen den Paragraphen verstoßen hat, jetzt Entschädigung erhalten. Was früher Recht war, kann heute nicht Unrecht sein(Dr.F.) Ein ganz entscheidender Gesichtspunkt dabei ist auch, dass dadurch , dass man die Zahl der vom Nationalsozialismus zu Unrecht Verfolgten immer mehr erhöht, der besondere Rang der Opfer des Holocaust beeinträchtigt wird. Das sollten wir bei allen Denkmälern für verfolgte Sinti und auch Schwule bedenken.


Minotaurus
Geschrieben

@ Nackig,
über Hans Blüher und sein Werk "Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" habe ich mich mit @Nuwas schon zu einer Zeit ausgetauscht, als von Dir bei gays.de noch keine Spur zu sichten war. Du musst einfach früher aufstehen, um mir noch etwas beibiegen zu wollen über das Thema Inversion (um Blühers Nomenklatur zu gebrauchen) im kultur-, sozial- und rechtshistorischen Zusammenhang. Als Du noch bänglich Deine ersten Schamhaare gezählt hast und verstohlen und mit schlechtem Gewissen Deine Schulkameraden angehimmelt, hatte ich mich schon längst mit dem historischen Hintergrund der Homophobie auseinandergesetzt und deshalb auch aktiv die Bemühungen einiger Bundestagsabgeordneter unterstützt, den menschenverachtenden § 175 aus dem Strafgesetzbuch zu tilgen.

Dein nochmaliger Verweis auf Knaurs Konversationslexikon 1932 hilft Dir herzlich wenig. Im offiziellen Nachtrag zu der Petition im Reichstag (siehe meinen letzten Beitrag oben) heißt es: "Überall dort, wo das Rechtsbewußtsein des Volkes offenkundig irrt, hat der Gesetzgeber (neben anderen Faktoren der Gesellschaft) die Aufgabe, es im Sinne der fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnis zu beeinflussen und umzumodeln. Das positive Recht wird nicht nur durch das Rechtsbewußtsein, sondern das Rechtsbewußtsein wird auch durch das positive Recht bestimmt."

Es ist gewiss bedauerlich, aber nicht meine Schuld, dass Du mit Deiner Homosexualität nicht klarkommst und deswegen darunter leidest. Doch das kann und darf kein Grund sein, hier mit der Attitüde des Volksbeglückers aufzukreuzen, der sein homosexualitätsfeindliches und inhumanes Weltbild für quasi unverbrüchliche Wahrheit erklärt. Merke wohl, @Nackig: Wer sich zum Maßstab - auch wenn ihn ein altes Lexikon wiederkäut - den ungebildeten Pöbel nimmt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er von demselben des Menschenrechts beraubt und alsbald totgeschlagen wird.

Geschrieben

@Minotaurus, es ist klar, dass du dir immer das letzte Wort vorbehältst. Leider wiederholst du nur, was ich schon entkräftet habe, und verfällst in pures Schimpfen: von Argumenten weit und breit keine Spur. Stattdessen wieder der Verweis auf die obskuren kultur-, rechts- und sozialhistorischen Zusammenhänge. Du solltest dich hier nicht als Universalwissenschaftler aufspielen, nur weil du das Internet geschickt zu handhaben weißt; ein solches Getue zieht bei mir nicht. Deine historischen Herleitungen, mit denen du alle zu belehren versuchst, sind genauso falsch, wie deinen Wertungen die Verbindlichkeit fehlt. Man kann eben, mit guten Gründen, auch anderer Meinung sein. Dein Kampf gegen den § 175 in seligen Jugendjahren ist mir in diesem Zusammenhang vollkommen wurscht.

Merke: Je allgemeiner ein Urteil, um so stärker der Verdacht der wohlbemäntelten Unwissenheit. Mehr scheinen als sein ist immerhin gute Journalistenmanier. Du siehst, argumentatio ad personam kann ich auch, sie ist aber normalerweise nicht meine Art und auch gar nicht nötig: denn der Advokat der Menschenrechte @Minotaurus entblödet sich nicht, die einfachen Leute, denen ein Konversationslexikon möglicherweise eine Hilfe ist, als "ungebildeten Pöbel" abzutun. In der Wut zeigt eben mancher sein wahres Gesicht.


Geschrieben

Überlegen wir ein wenig weiter. Viele Eltern sind früher wegen Kuppelei bestraft worden, andere Leute wegen Ehebruchs, wieder andere wegen Herstellung von Pornographie. In Deutschland war man in Sachen "Sittlichkeit" immer sehr empfindlich. Ich habe irgendwo gelesen, dass eine Parlamentskommission über 80 sittliche Vergehen bestrafen wollte. Im sittlich laxen Mittelmeerraum käme man selbst bei angestrengtestem Nachdenken kaum auf mehr als fünf!-
Sollen wir nun alle entschädigen, die früher von einer strengen und einfallsreichen Sexualgesetzgebung bestraft worden sind? Das wird schwer gehen!
@Minotaurus Mit mir haben Sie nicht über Blüher diskutiert, wohl aber mit einem anderen User.


Minotaurus
Geschrieben

@Nackig
Da dieser Thread von mir hereingestellt worden ist, erlaube ich mir auch, mich solange zum Thema und etwaigen Zuschriften zu äußern, solange es mir gefällt. Dazu brauche ich nun ganz gewiss nicht Deine Erlaubnis. Wenn ich, wie bei Dir, erkennen muss, dass sich jemand geradezu krampfhaft dagegen wehrt, Ursachen, Gründe und Entwicklung der Homophobie einer interdisziplinären Betrachtung zu unterziehen, dann wird es stets notwendig sein, diesen Verweigerer als das zu entlarven, was er tatsächlich ist: Ein Schwuler, der über den Ärger mit dem eigenen Schwulsein zum verstockten Homophobiker geworden ist. Das kann zwar psychologisch nachvollzogen werden, heißt damit aber keineswegs, schwulenfeindliche Einlassungen in einem Schwulenforum unkommentiert stehenzulassen oder gar zu billigen.

Zweifelsohne bietet das Internet, richtige Auswahl und Zuordnung vorausgesetzt, eine ganze Reihe Möglichkeiten, den eigenen Wissenstand zu erweitern, bzw. zu ergänzen. Das bedingt aber, schon zuvor sich eine entsprechende Grundlage geschaffen zu haben, um die neuen Informationen damit verknüpfen zu können, also das, was Vester als Ausbau des kybernetischen Denkens bezeichnet hat. Nun gibt es jedoch das Internet erst seit knapp zwanzig Jahren, und auch heute sind Fachzeitschriften wie "Nature", "Science" und viele andere keineswegs überflüssig und deren Lektüre erst recht nicht, ebenso wenig wie Fachbücher diverser Wissenschaftsrichtungen. Seit meinen Jugendtagen hat mich aus persönlichen Gründen interessiert, weshalb Homoerotik und Homosexualität so unterschiedlich in den verschiedenen Kulturen gewertet und praktiziert worden sind, welche Ergebnisse die biologische Forschung vorlegt, was hinter der Homophobie des jüdisch-christlichen Kulturkreises steckt, welche theologischen und rechtsphilosophischen Überlegungen der strafrechtlichen Verfolgung der Homosexualität zugrunde gelegt worden sind, welche sozialanthropologische Konstante der Homophobie möglicherweise vorhanden ist. Dass weiterhin die Spiegelung der Homoerotik in Kunst, Literatur, Theater und sogar Musik meine Aufmerksamkeit geweckt hat (nicht nur studienhalber) , führte zu einem recht umfangreichen, aber keineswegs vollständig erschöpfenden Wissensstand. Dazu diente und dient mir immer noch (denn ich gehöre zu den altmodischen Leuten, die Bücher lesen:-P ) vor allem meine hervorragend gutbestückte Handbibliothek, die mir meine Arbeit als Kulturjournalist und Autor wesentlich erleichtert, schon seit Jahrzehnten, bevor die "Segnungen" des Internets die Welt beglückten.

Bezeichnend ist es doch für die engstirnige Sichtweise von @Nackig, wenn er eine ordentliche Allgemeinbildung als Makel ironisieren zu müssen glaubt und überdies annimmt, eine Widerlegung seiner abstrusen These vom "schwulen Spaßmenschen" als dem Auslöser aktueller Homophobie sei nur möglich durch Stöbern im Internet. "Waih geschrien" würde da ein Rabbi sagen, wenn er solch dumpfbackiges Gemähre liest. Und bezeichnend ist für des @Nackig Inkompetenz in Bezug auf seine bisherigen Äußerungen zur Homophobie, mit welcher Hartnäckigkeit er sich weigert, sämtliche Hinweise auf Fach- und Sachliteratur (in diesem und anderen Threads) zur Kenntnis zu nehmen und darauf einzugehen. Einzig seine Anmerkung zu Gustav Radbruch - in der unübersehbaren Absicht, den bedeutenden Juristen abzumeiern - kann als Sachbeitrag gewertet werden. Doch sonst? Gähnende Leere und zynischer Spott über die Menschenrechte.

Ich mag irren, aber ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, bei @Nackig handle es sich um einen jener halbesoterischen, selbsternannten Psychoklempner, die einerseits aus der Seelennot mancher Homosexueller ein einträgliches Geschäft machen (die Betonung als "Praktiker" ist zu auffällig), und andererseits damit ihre eigene, festverwurzelte Homophobie ständig erneuern. Wer sein eigenes Schwulsein als Übel verachtet, der darf auf die Achtung durch andere Schwule nicht rechnen, verehrter @Nackig..


Geschrieben

Du irrst in der Tat. In 82 Beiträgen habe ich genau einmal das Wort "Praxis" benutzt. Dies veranlasst dich, mich unter die "halbesoterischen, selbsternannten Seelenklempner" einzuordnen. Offenbar ist "Praxis" für dich ein Reizwort, weil eben die tatsächliche und alltägliche Arbeit mit Betroffenen ein kaum zu widerlegendes Gegenstück zum endlosen theoretischen Geschwafel bildet. Es ist nun aber einmal so, dass sich die psychotherapeutische Theorie an die Bedürfnisse der Praxis anpasst, und nicht umgekehrt.

Wenn derartige Schnellschüsse das Ergebnis des "umfangreichen, aber keineswegs vollständig erschöpften Wissensstandes" (eine ganz unerwartete Bescheidenheit des universalen Kopfes, der du zu sein glaubst) sind, solltest du die hervorragende Handbibliothek schleunigst einem Antiquar anbieten.


Libra
Geschrieben

Langsam reicht´s mir @Nackig67112, Nuwas und Minotaurus.
Beinahe jedes neue Thema dient Euch als Schlachtfeld und wenn das nicht aufhört,
werde ich sämtliche Threads eben löschen - da zunehmend Offtopic.
Überlegt es Euch also besser, ob´s nicht sinnvoller ist,
diese Animositäten per PN zu klären.


Geschrieben

@ Silberblick
Es scheint mir, dass du in deinem Moderatoreneifer (und in deiner Fürsorge für @Minotaurus, der dergleichen aber nicht bedarf) weit über das Ziel hinausschießt. Auf vielen Feldern bin ich mit @Minotaurus einig. So werde ich zu seinem "Pfarrhaus"-Thread nichts schreiben, weil ich ihm zustimme..Seinen "Eulenburg"-Thread fand ich sehr interessant,aber keiner will ja da einsteigen. Andere Threads bleiben strittig, aber wir sind doch in einem Diskussionsforum. Ich bin sicher, dass @Minotaurus sich weit lieber und besser Gegnern seiner Auffassung stellt als Adoranten, die die Diskussion nicht weiterführen. Und der Ton unserer "Gespräche" hält sich doch durchaus im Rahmen mitteleuropäischer Umgangsformen. Also mit dem großen Bismarck : "Lassen Sie geschehen, was geschieht!" (Ein paar Tage später brach der dt.frz. Krieg aus!)


Geschrieben

Der Moderator möge tun, was er tun muss. Im Gegensatz zu Freund @Minotaurus, der seine Postings für unvergängliche Werke eines allumfassenden Geistes hält, ist mir an der Bewahrung meines Geschreibsels nichts gelegen. Etwaige Löschaktionen werden mich aber weiterhin nicht abhalten, unserem großen Denker kritisch zu antworten.


Minotaurus
Geschrieben

Die bösen Folgen der Homophobie haben unzählige Menschen - Männer, aber auch Frauen - in Deutschland an Seele und Körper verspüren müssen, bis zum heutigen Tage. Die strafrechtliche Verfolgung der Homosexualität kann nicht als zu billigende Begleiterscheinung einer gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung abgetan werden. Staatliches Handeln kann nicht für sich in Anspruch nehmen, schon deshalb von vornherein richtig zu sein, weil die Legislative der Exekutive die Möglichkeit eingeräumt hat, eine Menschengruppe zu kriminalisieren, ins gesellschaftliche Abseits zu stellen und damit diese Menschen als Paria zu verfolgen.

Wer nun die ins Auge gefasste Rehabilitierung strafrechtlich verfolgter Schwuler als unnötigen Krimskrams, womöglich gar als sentimentalen Politkitsch denunziert, wird sich den Vorwurf inhumanen Denkens, wenn nicht gar der moralischen Verkommenheit gefallen lassen müssen. Als höchst bedauerlich ist deshalb zu werten, dass dieser von mir hereingestellte Thread dazu benutzt wurde, schwulenfeindlichen Positionen und den daraus erwachsenden Handlungsmustern nachträglich den Anschein gerechtfertigter Staatsraison zu geben.

Weil ich nun aber keineswegs gesonnen bin, mich weiterhin auseinanderzusetzen mit unreflektierter Homophobie und deren kläglichen, ahistorischen Rechtfertigungsversuchen, habe ich die Schließung dieses Threads beantragt.



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