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Was haltet ihr vom " Heidentum"?

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Geschrieben

Im Zusammenhang mit dem Fest Weihnachten stehen auch viele heidnische Bräuche, und es wurde hier im Forum deutlich, dass es tatsächlich noch etliche Verehrer gibt. Für mich galt lange Zeit der Satz Schellings "Das Christentum ist die Wahrheit des Heidentums".Nun schließt Schelling in seiner "Philosophie der Mythologie und Offenbarung" allerdings die "skandinavische" und auch die "altgermanische" Religion von der Betrachtung aus.---
Wer weiß etwas über "Heidentum heute"? Was ist davon zu halten?


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Geschrieben

Das ist kein Heidentum. Das ist einfach nur die Original-Konfession, die hierzulande und im weiteren Umkreis üblich war, ehe man die Importreligion der Christensekte hier installiert hat. Da gab es natürlich verschiedene Zweige von, wie bei allen Religionen. Am 21. auf 22. Dezember steht ein hohes Fest, die Wintersonnenwende. Die Christen haben wohl nicht zufällig gerade um diese Zeit herum ihr eigenes Hohefest hingepflanzt, damit sich die Gläubigen besser umpolen lassen. Ansonsten ist Samhain ein Begriff, was später Hallows Eve und noch viel später zu Helloween wurde. Heute blieb davon nur noch sowas wie Fasching im Herbst über, und zu den Sonnenwendtagen äffen welche ein Fantasiegemisch aus Druidentum und LARP-Spielerei nach.

Wetten, dass andere das viel ausführlicher schreiben können. Im Kern drückt es das aus.

Was davon halten. Als Atheist hat man davon ebensowenig wie vom Islam oder dem Kram, den die Christen, Hindu, Schamanen, Esoteriker und Veganer glauben.


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Geschrieben

@JackenCapsKI Ich danke für deine schnelle Antwort, die aber viele Fragen offen lässt. Du setzt viel voraus. Was ist "Samhain", was ist LARP-Spielerei? Du h#ltst nicht viel von "Religion", sprichst deshalb etwas wegwerfend davon.


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Geschrieben

Ok. LARP bedeutet Live Action Role Play und das sind all jene Fantasy-Gruppen, die zum Bleistift von Tolkien Herr der Ringe nachspielen. Kann aber auch um historisch echte Schlachten oder Feiern gehen, zum Bleistift die Varus-Schlacht oder eben Sonnenwendfeiern. De bauen sich auch eigene Handlungsabläufe.

Samhain bzw. Samhuin ist einfach auf keltisch so ungefähr was wie Neujahr oder Erntedank. 3. November, meist vom 31. Oktober -3. November, denn früher ging das Mondfest 3 Tage. Es bedeutet so etwa "Sommer-Ende" , andere Quellen meinen "Vereinigung" , wohl weil sich der Kreislauf der Natur da schließt, und die Christen haben auch auf diesen Feiertag was von sich drauf geklotzt. Alle Heiligen? So ähnlich. Die von der Wicca-Religion und manche Pagans nutzen den Tag zur Ehrung der Ahnen.

Aye. Aus meiner ganz persönlichen Sicht ist Religion Mumpitz, Zeitvergeudung, Aufwand, Streit und Krieg um Nichts. Der Nutzen davon erschließt sich kaum. Zuwendung und Hilfe, Geschenke, Spenden usw. können Menschen einander ohne den Quatsch geben.Märchen gehören in Märchenbücher!


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fellatio
Geschrieben

Zunächst ,das " Heidentum " ist keine Religion ? Die Bezeichnung " Heiden " ist erstmalig von den Christen für die " Ungläubigen " , noch nicht christianisierten Stämme oder Völker abwertend benutzt worden.Noch heute herrscht vielfach die falsche Meinung Heiden wären Atheisten (Atheismus= Glaube an keinen Gott ) .Ungläubig waren die Menschen jedoch nur im christlichen Sinne,denn nur weil die Menschen nicht an den Christengott glaubten,glaubten sie ja dennoch an ihre Götter--Das Wort " Heiden " bedeutet im weitesten Sinne " die Heide bewohnend ",also Menschen,die in der Natur und im Einklang mit ihr Leben.Heute ist das Wort jedenfalls nicht mehr als negativ zu verstehen." Heide " ist kein Schimpfwort,sondern die etablierte Bezeichnung naturreligiöser ,polytheistischer Menschen .Heidentum ist kein Atheismus Das Heidentum,auch " Paganismus" genannt,bezeichnet die Naturreligionen der Erde,welche bestanden,bevor sich die monotheistischen Religionen ausgebreitet haben.Es ist die " Urreligion " unserer Ahnen. Völker und Ureinwohner ,die noch die alten Traditionen bewahren,werden oft als " indigene Bevölkerung " bezeichnet. Indianer in Amerika,Aborigenes in Australien,aber auch die Samen in Nordeuropa.Sie sind naturreligiös,also Heiden-dem Heidentum zugehörig. Die Naturreligion ist grundsätzlich polytheistisch ( Polytheismus= Vielgötterei,es werden mehrere Götter ,nicht nur ein Gott,verehrt;" Eingottglaube" wie das Christentum= ist Monotheismus) Weltweit gibt es zudem Bezüge zum " Animismus " ( Glaube an die Beseeltheit der Natur) Der " Pantheismus ( Gott ist alles) ist kein Bestandteil der Naturreligionen.Wir kennen heute weltweit viele Definitionen des Heidentums.Als Beispiele seien hier das griechische,ägyptische,keltische,römische und germanische Heidentum genannt. Auf die Frage hin,was in unserem Landen religiös alles zum germanischen Heidentum zählt,muß man antworten: alles das,was nicht christlich ist--und das ist fast alles.Die Christen kamen ja mit keiner Mythologie,sondern lediglich mit einem Buch unterm Arm.Die Christianisierung der Heiden konnte nur gelingen,indem die Christen die Mythen,vor allem aber die Volksbräuche übernommen und ihnen nach und nach einen christlichen Hintergrund gegeben haben ( wo selbst das nicht gelang,kamen die christlichen Machthaber mit Schwert und Feuer-Ostern und Weihnachten zum Beispiel sind ,sind urheidnische Feste im naturmythologischen Jahreskreis und haben mit dem Christentum rein garnichts zu tun.


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Geschrieben

Vielen Dank, lieber @Fellatio Ist aber das Heidentum wirklich keine "Religion"? Was bedeutet dann "Religion" für dich?- Die Wörterbücher leiten das Wort "Heide" oft von gr. "ethne" ab, dieses Wort ("Stämme") wurde nämlich so gebraucht wie unser Wort "Heiden". Vielleicht kannst du uns noch einiges über die heutige Verbreitung und die Praktiken des "Heidentums" berichten.


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Geschrieben

Aus der Sicht der -> Heiden wäre zum Beispiel das Christentum auch keine Religion. Das ist bestimmt ein Definitionsstreit von der Eigenmenge aus gesehen oder so etwas.

An Nuwas : Warum ist MacCock gegangen und wohin?? Colin ... Powell?


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Geschrieben

Ich habe mich öfter mit dem Thema Glauben auseinander gesetzt. Allerdings aus der Perspektive des überzeugten Atheisten, der ich seit der frühen Jugend bin.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Christentum wurde bei mir durch eine Diskussion mit "demonstrativ gläubigen Christen" angeregt. Schnell wurde mir klar, dass deren Argumentation auf einer Art Nachplappern von Bibelzitaten beruhte. Sie mussten ja nichts wissen oder können, sie brauchten nur zu glauben. Ihr Fehler in meinen Augen war, dass sie die Bibelzitate wörtlich nahmen.

Bei unserem nächsten Zusammentreffen zum Diskutieren war ich vorbereitet, ich hatte dafür fast die ganze Bibel durchgearbeitet und mir Spickzettel (Lesezeichen) angelegt.
Irgendwie taten sie mir danach leid, sie hatten gar keine Chance, für fast jede ihrer Kernaussagen konnte ich ein Bibelzitat mit gegenteiliger Aussage anbringen.

Allerdings hat diese intensive Vorbereitung auf die Diskussion etwas Unerwartetes bei mir bewirkt.
Ich habe "diesen Typen Jesus" aus dem neuen Testament als "Menschen" lieben gelernt.
Es ist mir wirklich völlig Schnuppe, ob es einen Gott im überlieferten Sinn gibt und ob Jesus sein Sohn ist/war. An der Qualität seiner Lehren ändert das für mich gar nichts.
Und auch der hier naheliegende Gedanke, ob er nun schwul war oder hetero, hat für mich keinerlei Rückwirkung auf seine Lehre und deren Bedeutung.

Sehr viel später habe ich mich dann mit der sog. "Macht/Kraft" des Glaubens befasst. Angeregt wurde ich dazu durch den Plazebo-Effekt in der Medizin.
Ich habe mir die Frage gestellt, ob es tatsächlich die Möglichkeit gibt, die Chemie des eigenen Körpers über den Glauben zu beeinflussen. Offensichtlich ist eine bewusste Steuerung einem Ottonormalverbraucher wie mir nicht möglich. Aber den Plazebo-Effekt erkenne ich an, die Belege sind für mich überzeugend.
Wenn ich diesen Umstand auf mein Leben insgesamt extrapoliere, muss ich einsehen, dass ich möglicherweise mit der Fähigkeit zu Glauben einen größeren Gestaltungsraum für meine Entwicklung hätte.

Aber egal, Glauben kommt nicht von allein, anscheinend muss man sich das erarbeiten oder von den Eltern eingebimst bekommen. Ich muss einsehen, dass ich mich mit meiner Neugierde und dem ständigen Einverleiben von Wissen schon zu weit vom Glauben entfernt habe. Da sehe ich keine Möglichkeit mehr zurück. Im Gegenteil, der Abstand scheint stetig weiter zuzunehmen.

Trotzdem, geblieben ist das Bewusstsein für "diesen Typen Jesus" mit seinen mich überzeugenden Lehren. Irgendwie ist da so ein Gefühl von "Freundschaft" geblieben, also es gibt da jemanden, mit dem ich hin und wieder "reden" kann, wenn es mir dreckig geht.
Auch als überzeugter Atheist kann ich mit seiner ehemaligen Existenz sehr gut leben und zu ihm aufschauen.
Dieser alte Patriarch mit dem weißen Bart und den rollenden Augen auf mittelalterlichen Bildern sagt mir hingegen gar nichts.

Ich denke, wer wirklich glaubt, sollte froh darüber sein und diese psychologische Reserve einfach genießen. Fragwürdig wird es für mich, wenn jemand anfängt, Ungäubige oder Andersgläubige zu verunglimpfen. Das offenbart für mich eine gewisse Unsicherheit im Glauben. So nach dem Motto: Ich habe Recht, wenn es nichts anderes gibt, was auch noch Recht haben könnte.

Liebe Grüße,
Toby


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Geschrieben

@SchonZieml Danke auch für deinen Beitrag. Ich hoffe nur, dass du nicht geistige Verbindung zu dem Jesus hast, der jetzt hochmodisch ist : der Jesus der Nutten und des Proletariats, der alles verzeiht, Maria Magdalena Kinder macht und den Lustknaben des Hauptmanns rettet.. --- Wir wollen nicht über den Begriff "Religion" streiten, ob die Herleitung von Cicero oder die des hl. Augustinus stimmt. Wie steht es mit dem "Heidentum" heute? Lebt es


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fellatio
Geschrieben

Hallo Toby,beim Lesen deines Beitrages fiel mir als erstes ein Spruch meines Vaters ein: " Glauben heißt nichts wissen " Dann Rudolf Augstein,aus dessen umfangreichen Werk " Jesus " bei mir seine Quintessenz tief haften geblieben ist " Es gibt keinen Beweis dafür,dass Jesus gelebt hat,aber auch keinen dafür,dass er nicht gelebt hat." Seine Lehre brachte Jesus von seinem jahrelangen Aufenthalt in der Wüste bei den " Essenern " mit..Aus einer Gemeinschaft,in denen alle gleichermaßen alles miteinander teilten.Sie betrieben Ackerbau und züchteten Bäume.Sie verfügten über ein umfangreiches Wissen über Getreide ,Erde und Klima.Von dort brachte er den uralten,neuen Gruß mit " Friede sei mit Euch---Friede sei in Euch---Friede sei durch Euch " Die reine Lehre Jesus ist reiner Kommunismus


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Geschrieben

@Nuwas
Das ist mir eigentlich egal, um "welchen" Jesus es hier geht.
Da gibt es ein schönes Lied von Depeche Mode "Your own, personal Jesus".
Ich denke, der Ausdruck trifft es.
Ich will ja nicht mit "meinem Jesus" bekehren, ich nehme ihn so, wie ich ihn anhand der intensiven Lektüre des NT empfinde, als positives Bild.
Übrigens, ich stimme nicht mit allen seinen Aussagen im NT überein.
Viele Aussagen aus seiner sog. Bergpredigt lehne ich direkt ab und behaupte einfach mal, dass ihm diese von den Berichterstattern in den Mund gelegt wurden.
Jedenfalls passen da manche Sätze nicht zu dem Gesamtbild, was ich von ihm bekommen habe.
Auch kann mir keiner erzählen, dass dieser Typ in Versuchung käme, einen Busch verdorren zu lassen, nur weil er an die Früchte nicht drankommt.

Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass unsere Welt sich dank ihm deutlich verbessert hat, auch mit mancher verkorkster Auslegung seiner Lehren.
Zunahme der Liebe in der Gesellschaft ist für mich ähnlich relevant wie Zunahme der Entropie in der Physik.

@fellatio
Na ja, wenn man den Kommunismus so auslegt, dass sich der Prediger auch mal exklusiv die Füße salben lässt, magst Du Recht haben.
Spaß beiseite: Es ist ja genau der Punkt für ihn gewesen, sich vom Missbrauch seiner Lehren durch weltliche Ideologien zu distanzieren. Denn in seinem Namen wird ja beliebig Böses getan (z.B. Inquisition, Kreuzzüge, Bespritzen von Kanonen mit Weihwasser, .......), das hat er wohl vorausgesehen.
Gibt es einen größeren Widerspruch, als im Namen von Jesus Christus einen Krieg zu führen?
Was mich von seiner entsprechenden Kompetenz überzeugt sind bestimmte Kernaussagen, wie z.B. "an ihren Taten werdet ihr sie erkennen (die Guten und die Bösen)".

Ich habe auch lange gebraucht, bis ich verstanden habe, warum er in Gleichnissen gepredigt hat. Irgendwie erinnerte mich das an die Geheimsprache, die Kinsey und seine Studenten seinerzeit für die Aufzeichnung ihrer sexuellen Recherchen verwendete.
Viele Wahrheiten kann man nicht geradeaus vermitteln, die Betroffenen werden jede Chance nutzen, sie zu verschleiern. Es sei denn, sie erkennen die Wahrheit nicht.
Ist ein schwieriges Thema ....

Zum ursprünglichen Thema:
Hat der seinerzeit entstandene Begriff des Heidentums überhaupt die unterstellte Bedeutung?
Nach meiner Erfahrung geht es bei der Übernahme von alten Ritualen mehr um so eine Art Kompromiss zur Verbreitung, also eine Art Migrationsstrategie für neue Ideen.
Wir haben dasselbe Problem in der Wissenschaft. Wenn neue Erfindungen auf breiter Ebene Akzeptanz erfahren, dann sind sie meist an Bekanntes gebunden.
Menschen sind nun mal zunächst geistig träge.

Liebe Grüße,
Toby


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Geschrieben

Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, hier über das "Heidentum "zu berichten und zu diskutieren.Stattdessen wendet sich das Gespräch wieder "Jesus" zu, die Form ist - Gott sei Dank- weniger aggressiv und apodiktisch als in der Vergangenheit.Lebt aber ein "Heidentum" noch, das mehr ist als eine Spielerei von Erwachsenen.(LARP z.B.).


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HaJo
Geschrieben

Schon wieder ???


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Geschrieben

Im mittlerweile geschlossenen "Weihnachtsthread" schrieb @Gingko:




Als Heide wünsche ich den Christen schöne Weihnachten und Festtage, verbunden mit dem Wunsch, dass ihr die von den Heiden gestohlenen Rituale würdevoll begeht und feiert und etwas weniger kommerzialisiert. Was ihr bisher mit den Ritualen der Heiden gemacht habt, tut uns im Herzen weh und verletzt unsere Seelen.



@Nuwas konterte:




Am Ende der Feiertage möchte ich aber wenigstens durchscheinen lassen, dass mir ein "Neuheidentum" noch künstlicher und unglaubwürdiger erscheint als die christlichen Riten. Zum Natur- und Sonnenkult führt kein Weg mehr zurück.



Heidentum setzt ein ungebrochenes Verhältnis des Menschen zur Natur voraus. Wer ein wenig gedanklich geschult ist, erkennt unschwer, dass bereits die begriffliche Gegenüberstellung "Mensch" hie, "Natur" dort jenes Verhältnis bricht. Wer davon redet, der Mensch sei der Natur entfremdet, ist selbst ein Entfremdeter. Deswegen lässt sich auch "Heidentum" nicht neu beleben. Da die Weltgeschichte das Weltgericht ist, dürfte es die gesamte Entwicklung des europäischen Denkens, die Ablösung des Logos vom Mythos und die Verstoßung des letzteren in dunkle Irrationalität nicht gegeben haben, wenn Heidentum möglich sein sollte. Der Heide versteht sich nicht als das Gegenüber der Natur, als ihr Deuter, ihr Nach- und Neu-Schöpfer, sondern als ein Wesen, das inmitten eines großen zyklischen Waltens seinen Ort hat. Mythische Überlieferungen sprechen immer vom Ende und von der Erneuerung der Welt. Der Mensch weiß sich als sterblich, unerklärlichen Mächten ausgesetzt und sich selbst zutiefst fragwürdig, dem Untergang überliefert. Von einer Hoffnung auf Auferstehung kann keine Rede sein; der Heide geht nach seinem Tod als Schatten umher. In der germanischen Mythologie ist es allein den gefallenen Helden vorbehalten, an der Seite der Götter eine Art ewiges Fest zu feiern. Die heidnische Überlieferung ist anthropofugal, sie flieht den Menschen und gibt ihn der Vernichtung preis. Das Christentum hebt den Menschen aus dieser Verlorenheit heraus und lässt ihn, der allein sich selbst zu bedenken imstande ist, zum Ebenbild Gottes werden: zwar in das Jammertal des Lebens gestellt, doch eines künftigen Ewigen Lebens gewiss. Dass diese Vorstellung auf Römer wie auf Germanen bestechend gewirkt haben muss, ist offensichtlich; dass von dieser großen Verkündung ein müder dogmatischer Abklatsch übrig geblieben ist, der endlich Priester und Gläubige verführte, das Reich Gottes bereits in dieser Welt zu suchen, ebenfalls.

Was also könnte ein modernes Heidentum leisten? Am ehesten sehe ich seine Kraft in einer Zurückgewinnung ursprünglichen Naturwissens, auf dessen Spuren wir allenfalls noch in der alternativen Medizin stoßen. Aber schon das Wort "Wissen" deutet darauf hin, dass es sich nicht um religiöse Kräfte handelt. Die alten Gottheiten sind nämlich dem leuchtenden einen Gott gewichen und kommen nicht zurück. Wo das Leuchten des einen Gottes fahl zu werden beginnt, können sich aber Kulte bilden, die sich archaischer Zeichen und Riten vor dem Hintergrund moderner Zielsetzungen bedienen; die "Vernunft" allein füllt offenbar die Lücken nicht aus. So waren die Zielsetzungen des Nationalsozialismus technisch-zivilisatorisch, seine Riten aber archaisch, und das Auftreten des Führers kam einer Theophanie gleich. Sollte dies "modernes Heidentum" sein? Ich fürchte, darauf wird es hinauslaufen. Denn das Sammeln von Pflänzchen, das Umarmen von Bäumen und die Verwendung germanischer Monatsnamen vermag kein religiöses Erleben zu begründen. Und so tritt an seine Stelle eine "Weltanschauung", etwas, das rasch zur Verwendung und Verfügung bereit steht und mit den Mitteln moderner Manipulationstechniken pseudo-religiöse Inbrunst als Massenwahn erzeugt. Um uns etwas anderes zu erschließen – etwas, das es einmal gegeben haben mag und das wir uns nicht einmal mehr vorstellen können –, müssten wir dieser Welt aus Plastik und Beton erst einmal entfliehen und uns des Irrglaubens entledigen, dass das Leben "eine letzte Gelegenheit" sei und mit allem angefüllt werden solle, dessen man habhaft werden kann. Von der Zerstreuung um jeden Preis bis zur inneren Sammlung ist es ein weiter Weg.


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