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GayFidibus_Han

Der Prinz

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GayFidibus_Han

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Geschrieben

Schon seit Wochen ritten wir in Richtung Heimat. Meine Männer waren schwach und verbraucht. Wir mussten völlig überstürzt Jerusalem verlassen, die Muslime haben uns angegriffen. Wir konnten zwar noch Frauen und Kinder retten, doch die Stadt wurde völlig zerstört. Einst waren wir losgezogen, das Heilige Land zu verteidigen, doch unsere Heerführer waren arrogant und haben die Kultur nicht verstanden. Und so lehnte sich das Volk auf, die Muslimen metzelten unsere Leute dahin, die friedliche Koexistenz der Völker war beendet. Und nun auch noch das, der König, der uns anführte, starb in der Schlacht.
Gedemütigt und ausgezerrt machten wir uns auf den Weg in die Heimat, mal gerade einhundert Ritter waren mir geblieben von einst fünftausend. Hinter den Rittern schob sich eine hohe Staubwolke zum Himmel, viele Menschen waren uns gefolgt, da sie keine Zukunft mehr hatten im Heiligen Land.
Ich glaubte nicht an Gott, ich war nur dem Ruf meines Königs gefolgt, meinem Bruder, der um dem Heiligen Vater in Rom zu gefallen tausende gute und rechenschafte Menschen opferte und doch sein eigenes Opfer wurde. Nun musste ich zurück, im Land unserer Vorväter war der Hunger und die Pest allgegenwertig und tausende Menschen starben einen qualvollen Tod. Das konnte nicht der Willen Gottes sein.
Als die Männer mir die Königsinsignien meines Bruders gaben musste ich die Tränen unterdrücken, das hätte Vater nie gewollt. Nun sollte ich zurück in das Land, in dem die Sonne schon seit Jahren kein Leben mehr spendete und den Thron besteigen. Die Regierungsgeschäfte wurden bislang durch den Reichskanzler wahrgenommen. Er war ein guter alter Mann, der schon meinem Vater diente. Doch der Krieg, die Pest und der Hunger dörrten unser einst so fruchtbares Land aus.
Ich zählte schon nicht mehr die Toten in den Gräben und nahm meine Welt um mich herum schon gar nicht mehr wahr. Abends, wenn wir unser Lager aufschlugen, setzte ich mich zu meinen Männern ans Feuer. Wir tranken Wein, die Männer sangen von einer rosigen Zukunft, besangen die Weiber mit denen sie Kinder bekämen. Dabei brauchten sie auch fruchtbares Land und einen König, der sie weise regierte. War ich weise? Ich war gerade 12 Lenze alt, als ich ein Herzogtum führen sollte. Meine Berater führten das Herzogtum, ich zog mich zurück und las in Schriften von Gelehrten. Allesamt tote Gelehrte, denn der Heilige Vater meinte, sie wären Ketzer.
Mit 17 begann der lange Ritt gen Osten, ins gelobte Land, Jerusalem. Man berichtete von Flüssen voller Honig, Wälder voller Wild und einem Volk, das die Seele verzaubern kann. Doch nichts außer Staub, Blut und Tod fand ich im Heiligen Land vor. Mein Bruder veränderte sich, wurde von Jahr zu Jahr grausamer. Er meinte, das Land müsse mit eiserner Hand regiert werden, riss Moscheen ein und ließ das Volk ausplündern.
Das war vielleicht die Rache Gottes? Wenn es Gott überhaupt gäbe, hätte er ihn für sein unbarmherziges handeln sicher bestraft. Aber warum bestrafte er die vielen Menschen in unserem Heimatland? Reichte der Tod meines Bruders nicht aus, um die Geschichte zu sühnen?
Wir ritten gen Westen, Tag um Tag, kamen an leeren Höfen, brachen Äckern vorbei. Städte, die wir durchquerten, waren von Pest und Tod gekennzeichnet. Ich bemerkte, dass meine Männer mehr und mehr der Lethargie verfielen. Einige waren so sehr vom Krieg gezeichnet, dass sie über wehrlose Frauen und Kinder herfielen und ich sie richten musste. Die Bilder, die ich sehen musste, berührten mich tief und ich schwor mir, dass ich keinen Krieg mehr zulassen wollte.
Nach Wochen des Hungers und ohne ausreichend Wasser erreichten wir die Grenzen unseres Nachbarlandes. Es war vom Krieg verschont worden und war wie das Ende eines Regenbogens bunt und voller Leben. Dennoch wusste ich, es würde ein Konflikt entstehen, wenn ich mit meinen Rittern unter voller Bewaffnung durch das Land ziehen würde. Immerhin würden wir drei Tage brauchen, bis wir endlich heimatlichen Boden unter den Füßen spüren würden. An der Grenze befahl ich meinen Männern, ihre Waffen abzulegen. Sie schauten mich etwas verwirrt an, doch ich erklärte ihnen, auch wenn mein Vater mit diesem Land Kriege geführt hatte, unbewaffnet würden sie uns sicheres Geleit zugestehen.
Am zweiten Tag kamen meine Männer und die Menschen, die uns aus dem Heiligen Land gefolgt waren, an einer Flussgabelung an, die wir am nächsten Tag überqueren wollten. Wir schlugen unser Lager auf, zündeten Feuer an und einige machten sich auf, Wild zu jagen, für eine ordentliche Mahlzeit. Ich saß in meinem Zelt, mein Kammerdiener brachte mit einen Krug Wein, den er bei einem in der Nähe liegenden Wirtshaus erstanden hatte. Das kleine Feuer wärmte mich und ich nahm einen Schluck Wein aus dem Kelch, als ich Pferde und eine Kutsche hörte.
Ich sah meinen Kammerdiener an und er zuckte, den Krug in der Hand, mit seinen Schultern:“ Eure Majestät, es hatte sich niemand angekündigt.“ Ich setze den Kelch ab und stand auf. Ich wusste, es kann nur eine Abordnung des Königs sein, dessen Land ich mit meinen Männern bereiste. Waren sie friedlich oder würden sie versuchen uns niederzumetzeln? Ich hörte, wie die Kutsche und die Pferde vor meinem Zelt zum stehen kamen. In diesem Moment kam mein Adjutant ins Zelt, schlug seine Hacken zusammen und griff an die leere Scheide des Schwertes:“ Eure Majestät, Ihre Majestät Prinz Christian zu Lahnstein meldet sich an zur Audienz.“ Ich gab meinem Kammerdiener nur ein kurzes Zeichen, und er wusste, dass er das Abendmahl für zwei Personen vorbereiten musste. 
Ich nickte meinem Adjutanten zu und er verließ das Zelt wieder. Meine Wachen schoben die schweren Vorhänge aus rotem Samt beiseite, so dass der Schein der Fackeln in meinem Zelt den Weg hinaus erhellte. Zunächst sah ich nur die Schuhe, doch dann Stand der Prinz von Lahnstein vor mir. Ein schöner Mann, mit leuchtenden Augen, tiefgezogenen Augenbrauen und zarten Lippen. Als er vor mir zum Stehen kam senke ich meinen Kopf:“ Eure Majestät, es ist mir eine Ehre Sie hier in meinem bescheidenen Zelt begrüßen zu dürfen.“  Die Vorhänge wurden hinter ihm wieder geschlossen und so befanden sich nur der Prinz und ich in meinem Zelt.
Der Prinz schaute mich an, offenbar musterte er meine Erscheinung. Mein Rock war völlig zerrissen, meine Rüstung glänzte schon lange nicht mehr und auch mein Wappen war kaum zu erkennen. Der Prinz setzte sich auf den Schemel am Feuer und schaute mich an:“ Ihr durchquert mit Euren Truppen unser Land, ohne uns vorher zu fragen. Hoheit.“ Ich setzte mich ebenfalls auf einen Schemel und gab meinem Kammerdiener ein Zeichen, der verstohlen hinter einem Vorhang hervorschaute. Er brachte den Krug voll Wein und schenkte uns unsere Kelche voll. „Eure Majestät, wir sind unbewaffnet und ziehen morgen weiter“,  sagte ich dem Prinzen und nahm dabei einen Schluck vom Wein. Würde er seine Wachen nun anweisen, uns festzunehmen?
„Das habe ich bereits bemerkt“, entgegnete der Prinz, der ebenfalls einen Schluck Wein trank:“ Wurdet Ihr ausgeraubt?“ Ich musste in diesem Moment lächeln, das erste Mal seit Jahren, nach den vielen Toten und dem vielen Blut:“ Nein, wir haben die Waffen abgelegt, bevor wir Euer Land betraten.“
Der Prinz vor mir war so gar nicht meiner Vorstellung entsprechend. Er war in seinem Auftreten warm und barmherzig, seine Augen verrieten, dass er nicht vor hatte, meine Männer zu töten. Es ging eine gewisse Faszination von ihm aus. „Wir werden morgen weiterreiten und ich verspreche Euch, meine Männer werden sich zurückhalten und sich zivilisiert verhalten“, fügte ich noch hinzu. Der Prinz fing an zu lächeln, seine weichen Gesichtszüge hatten etwas Gütiges und er nickte:“ Auch wenn Ihr Vater uns damals den Krieg erklärte, wie lassen Sie ziehen.“
Ich schaute dem Prinzen in die Augen. Diese Güte, die war mir so ähnlich. Ich wusste nie, warum mein Vater und mein Bruder unbedingt dieses Land überfallen mussten, doch ich spürte, hier könne etwas erwachsen, Frieden und Koexistenz. Ich stand mit meinem Kelch auf und schritt zum Feuer. „Ich weiß nicht, was wir Euch angetan haben, ich weiß nur, es war Unrecht. Heute sind wir geschlagen, das Heilige Land ist verloren, mein Vater, mein Bruder haben Unheil über Menschen gebracht. Das viele Blut…“, ich musste mich von seinen Augen abwenden, denn ich war den Tränen nah:“ Es muss aufhören, das sinnlose schlachten.“
Der Prinz stellte seinen Kelch auf den Tisch. Die Flammen spiegelten sich in seinem Gesicht:“ Das sind wahre Worte, Eure Majestät, auch wir wünschen uns Frieden.“ Ich traute meinen Ohren nicht und drehte mich herum zum Prinzen, der mich sanft und liebevoll anlächelte. „Darf ich Eure Majestät ein bescheidenes Mahl anbieten“, fragte ich den Prinzen und verbeugte mich etwas vor ihm. Ich hatte die königliche Etikette noch nicht verinnerlicht, schließlich war der Prinz unter meinem Rang. Aber das war mir egal, schließlich hatte ich die Möglichkeit, endlich Frieden zwischen unseren Völkern zu schaffen.
Der Prinz stand auf, seinen Kelch immer noch fest in der Hand und kam auf mich zu. Es war still im Zelt, von draußen waren nur die Männer zu hören, die sich ihre Träume von einer besseren Zukunft erzählten. Der Prinz schaute mir tief in die Augen, begann zu lächeln und stieß seinen Kelch an den meinen:“ Aber sicher doch, Majestät, ich würde mich freuen.“
Meinem Kammerdiener entrinnt ein Seufzer, er war scheinbar erleichtert, dass die Situation so entspannt war und kein Blut floss. Er servierte uns nun ein beschiedenes Mahl, das keineswegs einem König entsprach. Doch die Zeiten erforderten auch eine andere Küche. Warum sollte ich besser und opulenter essen, als meine Ritter? Der Prinz war höflich und aß den Teller leer, obwohl ich wusste, es müsste eine Beleidigung für königliches Blut sein. „Eure Majestät“, begann der Prinz zu sprechen:“ Es ehrt Sie, dass Sie das essen, was auch Ihre Ritter essen.“ Ich nahm einen Schluck Wein aus dem Kelch, die Begegnung war meine erste diplomatische Mission und doch war sie doch so anders. Wir schauten uns ständig tief in die Augen, lächelten uns zu und waren irgendwie schon vertraut miteinander, als würden wir uns trotz des Krieges schon lange kennen.
„Danke, Prinz zu Lahnstein“, erwiderte ich:“ Ich bin kein König, ich bin ein Mensch.“ Ich bemerkte, dass der Prinz sein Besteck beiseitelegte und mich scheinbar ansah. Ich traute mich zunächst nicht, meine Augen vom Teller aufzurichten, doch ich wollte seine Augen sehen, die so voller Wärme waren. Als wir uns in die Augen schauten entgegnete der Prinz:“ Ihr seid ein König.“
Ich konnte meine Augen nicht abwenden, ich sah seine Seele, seine Fürsorge und seine Barmherzigkeit. Der Prinz nahm meine Hand und streichelte sanft meinen Handrücken. In diesem Moment berührten seine Lippen zart die meinen und ich spürte diese Wärme und Geborgenheit in meinem Herzen. In mir sprang das Herz auf, ich schloss meine Augen und gab mich hingebungsvoll seinen Berührungen hin.
„Eure Majestät…“, ich öffnete meine Augen und über mich gebeugt sah ich meinen Kammerdiener. „Wir müssen weiter“, sagte der Kammerdiener weiter:“ Ihr habt freies Geleit in die Heimat.“ Ich schaute zu ihm auf, was war geschehen? War das alles nur ein Traum? Wo war ich? Ich stand auf und wurde eingekleidet. Als ich aus dem Zelt schritt standen dort alle meine Ritter, stolz auf ihren Rössern sitzend. Die Sonne ging gerade auf und kitzelte meine Nase. Mein General kam angeritten und hielt sein Pferd vor mir:“ Eure Majestät, wir sind bereit in die Heimat zu reiten.“
Wir ritten noch 4 Tage, bis wir die Burg meines Vaters erreichten. Ich musste nachdenken. Was war mit dem Prinzen? Warum war er plötzlich fort, nicht mehr bei mir? Doch ehe ich über diesen Augenblick, der mir da wiederfahren war, nachdenken konnte, hatte mich die Realität meiner Regentschaft eingeholt. Das Land meiner Vorväter war kahl und kalt, kaum Grün war zu sehen. Keine Vögel zwitscherten und kein Kinderlachen war zu hören. Kein Getreide gedeiht auf den Feldern, die Zukunft gebar viel Kraft, wenn dieses Land leben wollte.
Drei Jahre brauchte es, bis mein Land wieder gedeihe, bis wieder Kinder geboren wurden und es ausreichend Nahrung für alle gab. Und in der Zeit vergaß ich ihn nie, den Prinz, der es unseren Rittern ermöglichte in die Heimat zurückzukehren. Seine Küsse, seine Berührungen, mich sehnte es nach dem Prinz, ich wollte ihn endlich wieder sehen.
Eines Tages kam mein Kammerdiener in den Thronsaal und verbeugte sich vor mir:“ Eure Majestät…“ Ich schaute ihn an:“ Sprich‘.“ Er schaute zu mir und begann zu berichten:“ Eure Majestät, das Königreich zu Lahnstein wurde überfallen. Tausende Tote, Ernteausfälle.“ Ich erschrak und sprang auf. Der General der königlichen Truppen kam ebenfalls auf mich zu:“ Uns ist leider nichts bekannt. Wir wissen nicht, wer zu Lahnstein überfallen hat.“ Ich schaute meine Männer an, es war Zeit, dem Königreich zu Lahnstein zur Seite zu stehen, den Aggressor zu stoppen und das Land von den Peinigern zu befreien.
„Mon General“, ich wandte mich zu meinem General. Die Sonne flutete den Thronsaal und warf lange Schatten. „Wir werden dem Königreich zu Lahnstein zur Seite stehen“, fügte ich hinzu:“ Lassen Sie aufsatteln.“  Der General schritt sogleich aus dem Thronsaal, der Kammerdiener sah mich an und lächelte.
Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Thron und sah zum Fenster auf. Die Politik war nie mein Sinn, doch ich rätselte, wer hätte Grund gehabt, das Land an unserer Seite anzugreifen und zu unterjochen? In ganz Europa gab es zurzeit nur wenige Konflikte, viele Länder waren mit sich selbst und der Kirche beschäftigt. Und auch die Spione berichteten nichts.
Ich stand nun auf und schritt den Thronsaal entlang, an den Fenstern, mein Kammerdiener folge mir mit kleinen Schritten. Unten auf dem Burgplatz wartete bereits der General mit seinen Truppen. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass wir nun wieder auszogen, einen Krieg zu bestehen, eine Schlacht zu gewinnen. Doch dieses Mal war es so anders. Ich erinnerte mich an die Begegnung mit dem Prinzen, der Zärtlichkeit im Zelt, seinen sanften, süßschmeckenden Lippen.   
Wie oft habe ich in den letzten Jahren an den Prinzen denken müssen. Immer dann, wenn schwere Entscheidungen anstanden, ob Krieg oder Frieden, habe ich an ihn gedacht, habe von der Begegnung gezehrt, habe mir Energie geholt. 
4 lange Tage und Nächte ritten wir zur Hauptstadt des Königreiches zu Lahnstein, ohne eine Rast zu nehmen, keine Rücksicht nehmend auf Ross und Reiter. Es war Eile geboten, die Nachrichten aus dem Königreich ließen nichts Gutes verheißen. Man berichtete uns zwischenzeitlich, dass ein Fürst mit seiner Armee das Land überfiel in der Absicht den König niederzuwerfen.
Als unsere berittenen Truppen durch das Stadttor kamen, war es still. Totenstill. Kein Mensch befand sich auf der Straße, kein Kindergeschrei, keine Wagen, die sich zum Markt bewegten. Ich schaute mich um, doch nichts war zu sehen. Die Sonne stand tief und dennoch war es kalt, wie im Winter. Überall lagen zerbrochene Krüge und Gefäße auf dem Boden. Ich erkannte in der Ferne, dass auf der Straße ein totes Pferd lag, daneben ein toter Soldat in der Rüstung des Landes. Ich stieg vom Pferd ab und befahl den Männern sich auszuruhen. 
Das Schloss hatte an Glanz verloren. Das Land war für seine ausgesprochen schöne Architektur bekannt, für seine Kunst und seine Kultur. Statt Waffen zu schmieden wurden hier Bücher geschrieben und Bilder gemalt. Ich ging die lange Treppe zum Thronsaal hinauf. Kaum Soldaten waren zu sehen. Und ihre Uniformen sahen aus, wie einst die meinen, als wir aus dem Heiligen Land flohen.
Ich öffnete die schwere Eichentür zum Thronsaal. Im Thronsaal angekommen überkam mich wieder dieses Gefühl. Wan würde ich ihn wiedersehen, den Prinzen. Am Ende des Thronsaals saß ein kleiner Mann auf dem Thron. Das wenige eindringende Tageslicht warf kaum Schatten. Entlang des Saales standen riesige Kerzenständer aus Eisen, das Kerzenlicht vermochte es jedoch kaum, das Dunkel aus dem Raum zu vertreiben. Ich schritt schnell auf ihn zu, um meine Fragen zu stellen. Wie es ihm wohl geht?
„Eure Majestät, Ihr?“, sprach der kleine Mann. „Eure Majestät…“, sagte ich und verbeugte mich, es war offensichtlich der Vater des Prinzen, der König zu Lahnstein. „Meine Boten meldeten mir, Ihr seid überfallen worden. Ich bin nun hier, um Euch zu beschützen“, der König war offensichtlich überrascht mich zu sehen. „Der Frieden“, sprach der König:“ War offensichtlich gut. Ihr helft mir, obwohl Euer Vater mir einmal den Krieg erklärt hat.“ „Euer Sohn“, entgegnete ich:“ Hat den Frieden ermöglicht.“ Der König stand auf, kam auf mich zu und er legte seine Hand auf meine Schulter:“ Ich weiß, mein Sohn schätzt Sie sehr. Er sagt, sie seien ein guter Mensch.“
Der alte kleine Mann war gebrochen. Seine Kleider waren zerrissen und dreckig. Seine Finger waren dürr und knöchrig, als hätte er seit Wochen nichts mehr gegessen und hätte mit seinem Leben bereits abgeschlossen.
Ich sah ihn mir an, seinen Vater. Doch wo war der Prinz? „Was ist geschehen, Majestät“, fragte ich den König. Der König ging zurück zu seinem Thron und setzte sich unter einem Seufzer hin. „Wir wurden von einem Land im Süden überfallen, dem Fürsten Baltazar“, sprach der König. Aus seinen Augen rollten Tränen und er griff fest in die Lehnen seines Thrones:“ Mein Sohn wurde entführt.“ Meine Beine schwankten plötzlich, der Boden unter meinen Füßen bebte. Ich musste mich hinsetzen und sah zum König hinauf:“ Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?“
In mir drehte sich alles, ich konnte nicht mehr klar denken, in mir kam die blanke Angst zum Vorschein. Er durfte nicht sterben, er durfte nicht leiden, er, der mir so viel Kraft in meinen Gedanken gab und den Frieden brachte. Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Gefühle tiefer waren, als ich es mir noch vor ein paar Jahren zugestanden hatte. Ich bemerkte, die tiefe Liebe und Zuneigung zum Prinzen und nun sollte es zu spät sein?
Der König informierte mich über die Lage in seinem Land. Die Armee des Fürsten Baltazar war von Süden her vorgedrungen und ist über die Städte hergefallen. Der Feind hinterließ eine Spur der Verwüstung und hatte den jungen Prinzen als Geisel genommen. Ich musste also nur der Verwüstung folgen, um den Prinzen zu finden und zu befreien.
„Eure Majestät“, ich schritt auf den König zu:“ Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um ihren Sohn gesund nach Hause zu bringen.“ Der König sah mich an, Tränen fließen ihm über die Wangen und ein leichtes Lächeln war zu sehen.
Meine Armee stand auf dem Hof des Schlosses bereit. Ich schritt hinaus und sattelte auf. Der König kam auf den Balkon vor dem Hof und schaute zu uns hinunter:“ Ich segne Euch, auf dass Ihr den Feind besiegt.“ Ich schaute mich zu meinen Männern um und flüsterte:“ ich brauche keinen Segen, ich brauche die Liebe.“ Mit einem Handzeichen von mir setzte sich die Armee in Bewegung und verlas die Stadt.
Wir ritten über die Felder, durch die Wälder, entlang der Dürre und Verwüstung, die die Feinde hinterließen. In meinem Kopf waren seine Augen, sein Lächeln, sein Wesen. Ich wollte ihn wiedersehen, ihn retten, ihn endlich in meine Arme schließen und den Frieden finden. Doch das, was ich sehen musste, traf mich zu tiefst: In den Gräben lagen Leichen von Menschen und Tieren, ganze Felder waren abgebrannt worden, der beißende Geruch von Verwesung lag über dem Land. Der Fürst war ohne Ehre, das wurde mir immer klarer. Er würde wahrscheinlich auch nur ein Lächeln zeigen, wenn er den Prinzen umbringen würde.
Nach einigen Tagen bewegte sich unsere Armee an einem Kamm entlang, mein Blick fiel auf eine weite Steppen Fläche, entlang einer langen Hügelkette. Rauch stieg in der Ferne auf, ein Zeichen für ein Feldlager. Mein Adjutant und mein General kamen auf mich zu geritten. Der Adjutant sprach mich an:“ Eure Majestät, der Feind hat vor uns ein Lager errichtet. Der General setzte sofort ein:“ Wir haben die ideale Position, anzugreifen.“
Ich schaute meine getreuen Soldaten an, blickte über die Ebene, sah zahlreiche Lagerfeuer. „Können wir den Prinz retten?“, fragte ich sie. Sie schauten auf den Boden und wagten keine Antwort. „Er muss gerettet werden“, entsprang es mir. Der Adjutant und der General schauten mich an:“ Bei einem Frontalangriff wird der Fürst den Prinz töten.“ Ich drehte mich um zum Adjutant:“ Das ist inakzeptabel.“
Ich sah die Zweifel in den Augen des Adjutant und des Generals. Aber es konnte nicht sein, dass mein Prinz stirbt, wenn wir angreifen. „Ich werde die Armee führen“, rutschte es mir heraus. „Nein, Majestät“, entgegnete der General:“ Das ist zu gefährlich.“ „Manchmal bedarf es ungewöhnlicher Maßnahmen, um den Frieden herbeizuführen“, entgegnete ich dem General. „Ich bin König und Mensch.“
„Aber ich werde zunächst einen anderen Schritt wagen“, sagte ich dem General und fasste ihn an seiner Schulter an. „Welche, Majestät?“, fragte der General. „Schicken Sie einen Unterhändler, mon Géneral“, ich sah dem General tief in die Augen und bemerkte sofort, dass er mit dieser Idee überhaupt nicht einverstanden war:“ Ich werde mit Fürst Baltazar verhandeln.“ „Eure Majestät…“, entgegnete der General. „Schluss damit, mon Géneral, ich möchte unnötiges Blutvergießen vermeiden, auch wenn wir das Überraschungsmoment verlieren.
Ein Soldat ritt mit einem Sperr, an dessen Spitze ein weißes Taschentuch befestigt war, dem Lager des Fürsten entgegen. Wir konnten aus der Ferne sehen, dass er mit ein paar Soldaten sprach. Nach einiger Zeit kam der Soldat im Galopp zurückgeritten. „Eure Majestät“, sprach der Soldat:“ Fürst Baltazar ist zu Verhandlungen bereit.“ „Das ist gut so“, ich drehte mich zum General um:“ Flankiert Ihr die Kavallerie an der Hügelkette, sie wird von der Flanke her hinzustoßen, sollten wir einen Frontalangriff durchführen müssen. Sollte ich in einer halben Stunde nicht zurück sein, so greifen Sie an.“ Der General sah mich an und nickte. 
Ich setzte mich auf mein Pferd und schnallte mein Schwert ab. Unbewaffnet würde der Fürst es nicht versuchen mich direkt anzugreifen. Doch in diesem Moment kamen mir Zweifel. War es doch der Fürst der mordend und plündernd durch das Land zog, ohne Ehre. Aber die Zweifel wurden unterdrückt von der Sehnsucht, meinen Prinzen endlich wieder zu sehen. „Mon Géneral“, ich drehte mich noch einmal zum General um:“ Sie haben Ihre Befehle.“
Ich ritt nun den Kamm herunter und sah in der Ferne, dass ein Reiter mit seinem Pferd mir entgegen kam. Die Hufen meines Pferdes bohrten sich tief in den feuchten Boden unter mir. Ich bemerkte, wie die Luft um mich herum immer kühler wurde. Wie würde der Fürst wohl reagieren? Ich war ihm bislang nicht begegnet, auch war nicht viel von seinem Fürstentum bekannt. Die meisten europäischen Königshäuser vermieden den Kontakt zu ihm, auch mein Vater.
Ich hielt mein Pferd an, ein alter Mann in einer schwarzen Rüstung mit Umhang stand vor mir. Er wirkte kalt, sein Gesicht war kaum zu sehen und das, was man sah war vernarbt und bleich, als wäre er Gevatter Tod. „Eure Majestät“, seine Stimme klang rau und schwach. Das war der Mann, der keine Ehre hatte, der Menschen und Tiere ermordete und scheinbar einen sinnlosen Krieg begann?
„Eure Majestät, Ihr wünscht zu verhandeln. Seid Ihr in der Position zu verhandeln?“, sprach der Fürst weiter. In mir kam Wut hoch, ich kochte, und dennoch musste ich erst versuchen zu verhandeln:“ Baltazar, Euch wird vorgeworfen ohne Kriegerklärung ein Land angegriffen zu haben und den Prinz zu Lahnstein als Geisel genommen zu haben.“ „Und wie ich das sehe, befindet Ihr Euch mit Euren Truppen in einem fremden Land, wie darf man das verstehen“, entgegnete der Fürst und lachte laut. Ich schritt mit meinem Pferd weiter zu auf den Fürsten, ich wollte sein Gesicht sehen. Ich sah ihm tief in seine dunklen leeren Augen:“ Wir sind als Verbündete der zu Lahnstein hier um Euch aus dem Land zu vertreiben und den Prinzen zu befreien.“ „Majestät“, antwortete der Fürst:“ Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass Ihr mich bedrohen könnt.“
Ich ritt wieder ein paar Schritte zurück:“ Baltazar, Ihr habt bis zum Morgengrauen Zeit den Prinzen ungeschoren auszuliefern, Euer Lager abzubrechen und das Land zu verlassen.“ Dem Fürsten war wieder ein lautes hässliches Lachen entronnen:“Sonst?“ „Ihr werdet mit den Konsequenzen leben müssen“, sagte ich dem Fürst mit ernster Stimme und ritt zurück zu meinen Soldaten.
Die Nacht brach an und ich saß an einem kleinen Lagerfeuer. Würde der Prinz die Nacht überleben? Würde der Fürst sein Lager abbrechen und in der Früh verschwunden sein? Ich bereitete mich innerlich auf die Schlacht vor. Im Heiligen Land habe ich viel Blut, Tote und Verletzte gesehen, doch die Bilder vor meinen Augen sprachen eher die Sprache, dass ich ein König des Friedens sein wollte. Nach dem Krieg im Heiligen Land wollte ich meinem Land ein guter Diener sein, jeder sollte genug zu essen haben, jeder sollte einer Arbeit nachgehen und nie wieder wollte ich den Frauen ihre Männer nehmen für einen Krieg. Und was war nun? 
Nun schickte ich wieder Väter und Söhne in eine Schlacht, aus der sie wahrscheinlich nicht lebend zurückkehren würden in die Arme ihrer Familien. Ich habe gesündigt, ich bringe den Tod und das Verderben über mein Land, wenn die Schlacht verloren geht. Doch der König zu Lahnstein verlässt sich auf mich, ich habe ihm versprochen, ihm seinen Sohn zurück zu bringen, lebendig.
Ich habe die Nacht kaum ein Auge zugetan. Ich musste an ihn denken, den Prinzen. Ich sah vor meinen Augen wieder und wieder unsere Begegnung im Zelt. Der Prinz hat mich verzaubert, in seinen Bann gezogen. Er hatte mir Hoffnung geschenkt, dass Länder auch friedlich nebeneinander existieren können. Er war das warme Licht am Firmament, als der Krieg beendet war und die Blumen wieder blühen konnten. 
„Eure Majestät…“, ich erschrak, der Generals stand plötzlich vor mir. „Es dämmert.“ Ich schaute mich um, der General hatte Recht, an der Hügelkette ging die Sonne auf. Die Morgenröte erhellte langsam die Steppe. Ich stand auf und schaute in die Richtung, in der das Lager des Fürsten Baltazar lag. „Er hat sein Lager nicht abgebrochen, mon Géneral“, sagte ich leise. Mir wurde nun bewusst, dass es nun zu einer Schlacht kommen würde. Ein unnützes Gemetzel.
Ich drehte mich um zum General:“ Machen Sie sich bereit für das Gefecht, wir greifen an.“ Der General rief seine Befehle, die Kavallerie war bereits an der Hügelkette stationiert und würde angreifen, wenn wir mit unseren Soldaten vorrücken würden. Ich sattelte auf und ritt an den Soldaten vorbei. Ich schaute in die vielen Augenpaare, ich sah, dass sie es wussten. Viele der getreuen Soldaten würden nun ihr Leben auf dem Feld lassen und weinende Frauen und Kinder hinterlassen.
Auf ein Zeichen hin bewegten wir uns geschlossen auf die Steppe zu. Ich erkannte, dass sich die Soldaten des Fürsten bereits zum Gefecht aufgestellt hatten. Es waren viele Soldaten, die schon Tod und Verderben über das Land gebracht hatten. Gegen sie muss mit aller Härte vorgegangen werden. Unsere Bogenschützen machten den Anfang, sie schossen hunderte von Pfeilen in die gegnerische Mauer von Soldaten. Verletzt sanken einige zu Boden, doch die Mauer stand noch. Es waren zähe Soldaten, die des Fürsten, zu allem entschlossen. Doch bei meinen Männern war der Siegeswille in den Augen zu lesen. Sie wollten zurück zu ihren Frauen und Kindern und das gab ihnen diese unsichtbare Kraft.
Die Bogenschützen schossen eine zweite Salve in die gegnerische Front und wieder sanken einige Soldaten verletzt zu Boden. Nun gab ich den Befehl zum schnellen Vorstoß. Meine Männer fingen an zu brüllen, zückten ihre Waffen und liefen auf die gegnerischen Soldaten zu. Als sie zusammenprallten entlud sich das Gebrüll und der Klang der Waffen zu einem beängstigenden Lärm. Vom Kamm her sah ich unsere Kavallerie anstürmen und ich zückte mein Schwert. Der Wille, meinen Prinzen zu retten, lies mich die grässlichen Bilder des Kampfes zu verdrängen. Es spritzte Blut, Geschrei war zu hören, um mich herum fielen die Menschen zusammen, wie Puppen, die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten.
Blut. Gebeine. Tod. Das Feld war voller sterbender Menschen, als meine Armee voller Wucht zuschlug. An mir rinn das Blut der Feinde, mein Arm war schwer, das Schwert war mir nicht recht. Die Gelehrten waren anderer Meinung. Und ich auch. Doch ich sah das große Zelt, in der Mitte der gewonnenen Schlacht. Rauch stieg auf. Der beißende Geruch von Leichen zog in die Nasen. Ich schritt langsam auf das Zelt zu, mich überkam plötzlich Angst. Hatte ich zwar diese Schlacht überstanden, doch ich hatte Angst, Angst dass mein Prinz nicht mehr lebt.
Zwei meiner Soldaten öffneten den Vorhang zum Zelt und verbeugten sich vor mir. Sie waren blutbeschmiert und schwach. Ich sah hinein und ging schweren Schrittes hinein. In der Mitte des Zeltes saß der Prinz, gefesselt und gepeinigt, mit blutunterlaufenden Augen. Das Strahlen der Augen war verblasst. Ich stürzte zum Prinzen.

„Mein Prinz, wie geht es Euch“, ich nahm seine zarten Hände und schaute ihm in die gebrochenen Augen. „Es ist gut, Euch zu sehen“, stammelte der Prinz. Ich sah ihn an, die Tränen liefen ihm aus den Augen. Ich streichelte durch sein Haar und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. „Ihr seid nun frei.“ Er war kraftlos und fiel in meinen Armen zusammen.

ENDE
 

Geschrieben

Eine sehr interessante und historisch nachvollziehbare Geschichte. Ich hoffe, sie geht weiter. Die Story hat wirklich Niveau und ich bin gespannt, wie es weiter geht.

 


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