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Skandal am Kaiserhof


Minotaurus420

Empfohlener Beitrag

Geschrieben

Auch wenn jetzt manche User aufstöhnen werden nach dem Motto "Um Himmels willen, nicht schon wieder Geschichte" , so halte ich es andererseits für durchaus angebracht, in ein sogenanntes schwules Forum ein Thema zu stellen, das sich mit dem Homosexuellen-Skandal am deutschen Kaiserhof beschäftigt. Zumal jetzt mit weiterführenden Buchhinweisen ein größerer, sehr lesenswerter Artikel erschienen ist bei SPIEGEL ONLINE.

Der enge Freund von Kaiser Wilhelm II, Philipp Fürst von Eulenburg, auch bekannt als Dichter der "Rosenlieder" , stürzte durch eine Intrige, die der Bruder des damaligen Reichskanzlers von Bülow angezettelt hatte. Und dies, obwohl der Informant selbst einst zum angeschwulten Freundeskreis von Eulenburg gehört hatte. Nun sind bösartige Zickereien und abgefeimte Intrigen unter Schwulen nicht gerade etwas sehr Seltenes. Doch der Skandal am Kaiserhof drohte auch den Kaiser selbst in erhebliche Schwierigkeiten zu bringen. Denn in Insiderkreisen waren die Reisen des jungen Wilhelm nach Capri sehr wohl bekannt, der sich dort der Gastfreundschaft schwuler Freunde, u.a. der Industriellensprössling Alfried Krupp, erfreute. (Siehe dazu auch den Roman von Roger Peyrefitte: "Exil in Capri" ) .

Als Musterbeispiel, wie Homosexualität aus denunziatorischer Absicht gehandhabt werden kann, ist der Skandal am Kaiserhof allemal geeignet. Und sage keiner, solche Intrigen seien altbackenes Zeug, das lediglich Historiker noch zu interessieren habe. Auch heutzutage wird in Betrieben, in der Politik und selbst in Schulen mit dem Vorwurf des Schwulseins gemobbt, was das Zeug hält. Vielleicht kann der eine oder andere User von solchen aktuellen Fällen berichten.

Geschrieben

Den Ausführungen im letzten Abschnitt Ihres Beitrages , lieber @Minotaurus, kann man sich nur anschließen. Nur Menschen, die ihr Schwulsein lebenslang verleugnet haben, mögen sich Illusionen darüber hingeben, was auch heute noch dem "Bekenner" droht.
Die Verdächtigung, ein Schwuler zu sein, ist meistens der Beginn eines Karriereabsturzes. Fürst Eulenburg wurde der Namengeber hämischer Angriffe ( "Eulenburger", "Hinterlader"). Die Vorwürfe gegen ihn lauteten: Intrigant, Dilettant auf allen Gebieten,Effeminierter, verschrobener Kopf mit obskurer, pseudomystischer Gedankenwelt. Der Skandal hat damals dem Kaiser und dem Kaiserreich sehr geschadet, weil die Bürger wieder einen Beweis für die Dekadenz der Adelsschicht hatten und sich wohlfeil sittlich entrüsten konnten.- Verhängnisvoll auch hier wieder die Rolle der Presse, vor allem der Zeitschrift "Die Zukunft" von Harden, die, gespeist von Zuträgern aus dem Hinterhalt (vielleicht doch eher Holstein) , fapfer "enthüllte". Die Aktivität des Kanzlerbruders in dieser Sache scheint mir in dem Artikel schlecht belegt. In seinen "Denkwürdigkeiten", Bd. 2 äußert sich Bernhard von Bülow über seinen Freund und Förderer Eulenburg in der schäbigsten , hinterhältigsten Form- ein schönes Beispiel für das "Verhalten" von "Freunden" in Sexskandalen.
Alle genannten Persönlichkeiten kann man auch in einem wunderbaren Film sehen : " Die Entlassung" mit Emil Jannings als Bismarck und Werner Hinz als Wilhelm II. Fürst Eulenburg erscheint in diesem Film als etwas weicher Ästhet, ansonsten aber sehr objektiv gezeichnet.- Was eine gut geführte Zeitschrift leisten kann, zeigt beispielhaft Karl Kraus mit seiner "Fackel". Er entlarvt Stil und Gesinnung Hardens und greift ihn offen an, leider selbst auch mit einem nicht leicht zugänglichen Stil. Das sind Seiten, die jeden angehen, der über "Sittlichkeit und Kriminalität" nachdenkt.


  • 1 Monat später...
Geschrieben

Es ist wirklich jammerschade, dass niemand hier sich zu diesem schönen Thread von Minotaurus zu Wort melden will. Zugegeben : man kann da nicht einfach googeln, ein wenig über das Kaiserreich muss man schon wissen. Aber wie beispielhaft und vorausweisend war dieser Fall! Bürgerliche Intellektuelle sahen im Aufweis der Dekadenz des Adels ( auch der Monarchie) plötzlich Aufstiegsmöglichkeiten, vormals mächtige Adlige erweisen sich als unfähig, auf den moralischen Knieschuss angemessen zu antworten, und dann ein großer Schriftsteller und Moralist wie Karl Kraus, der die Freiheit des Privaten verteidigt, der Menschen verteidigt, die sich plötzlich mit ihrem Privatleben einer gnadenlos urteilenden Öffentlichkeit ausgesetzt fühlen. Und dann Maximilian Harden mit seiner "Zukunft", dem Sensationsblatt der damaligen Zeit, wie er unbedenklich ( aber von Figuren aus dem Hintergrund mit Informationen versehen und sich gerade da als Kämpfer für den Fortschrutt fühlend, wo er die Interessen der Mucker formulierte) um der Auflage willen Menschen vernichtete.
Eine Situation, die mit leichten Veränderungen auch heute wiederkehren könnte.- Allerdings kann man über dieses Thema hier nicht im Duett verhandeln, und manche halten das Duett noch für ein Duell!


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