Das Coming Out ist eine einmalige Sache? Von wegen. Unser Autor muss sich fast täglich aufs Neue outen. Das ist im ersten Moment ziemlich nervig, aber wichtig.

von Alex Baur

 

Neue Leute kennenzulernen ist etwas Schönes – zumindest für mich. Ich habe das große Glück, durch meinen Beruf und mein Studium fast jeden Tag auf unbekannte Menschen zu treffen, und ich finde jede neue Begegnung auch wirklich spannend. Doch es gibt diesen einen Punkt, der mich bei jedem ersten Gespräch wieder aufs Neue anstrengt: Das Coming Out.

 


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"Seit wann weißt du denn, dass du schwul bist?"

Ja, ich hatte mein Coming Out schon als 15-jähriger Teenager mit fettigen Haaren und pickeligem Gesicht bei meiner Familie und meinen Freund*innen. Damit ist die Sache erstmal durch, sollte man meinen – falsch gedacht. In (fast) jedem Gespräch mit neuen Menschen muss ich mich früher oder später wieder zu meiner Sexualität bekennen. Klar, zuerst kommen die oberflächlichen Fragen: “Was machst du denn? Wo kommst du her? Was hälst du von der neoliberal-kapitalistischen Gesellschaft?” Aber spätestens, wenn die Unterhaltung sich in Richtung Liebesleben bewegt, kommt die Konversation zumindest kurz in Stocken – dann fange ich nämlich an, von meinem Freund zu erzählen. Plötzlich ist alle vorübergehende Leichtigkeit des Smalltalks weg, entweder, weil mein Gegenüber betont lässig versucht, mit meiner Homosexualität umzugehen, oder, weil ich dann doch plötzlich viel interessanter werde. Es folgen die Standardfragen – ich kenne sie alle auswendig – wie: “Ich hoffe, das ist dir nicht zu persönlich, aber wann wusstest du denn, dass du schwul bist?” oder “Sag mal, wann hast du dich denn eigentlich geoutet? Und wie sind deine Freunde und deine Familien damit umgegangen?” 

 

Das Outing ist ein Drahtseilakt

Mir ist schon bewusst: Nicht jede*r kennt queere Menschen im direkten Umfeld, und viele meiner Gegenüber sind auch wirklich einfach nur – ohne überhaupt zu urteilen – neugierig. Was mich stört: Erstens werde ich sofort in eine Schublade gesteckt, zweitens dreht sich von hier an das Gespräch mindestens die nächsten 10 Minuten nur um mich und meine Sexualität. Immer wieder bleiben die gleichen Wortfetzen über meine Beziehung zu einem Mann in meinem Gedächtnis hängen “Das ist ja so süß”” oder “Haltet ihr auf der Straße dann auch Händchen?”. So weit, so nervig. Dabei habe ich es noch vergleichsweise einfach. Ich muss nicht in jedem Gespräch direkt einbringen: “Ich bin schwul.” Vielmehr kann ich das Outing ganz galant über die Bühne bringen, indem ich meinen Freund irgendwann ins Gespräch bringe. Bevor ich allerdings in festen Händen war, durfte ich den Drahtseilakt des Smalltalk-Outings in jedem zweiten Gespräch durchführen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich.

 

Würde es in einer perfekten Gesellschaft noch ein Coming Out geben?

Es ist eine Bredouille, in der ich stecke: Auf der einen Seite möchte ich meine Sexualität oder meine Beziehung zu einem Mann natürlich nicht verstecken. Auf der anderen Seite will ich aber auch nicht nur darüber definiert werden und in jedem Gespräch mit neuen Menschen meine sexuellen Präferenzen diskutieren. In einer perfekten Gesellschaft, da würde natürlich niemand mehr Nachfragen stellen, sondern es wäre absolut kein Thema. 

 

Promis outen sich regelmäßig

Aber noch sind wir im Jahr 2019. Noch outen sich Promis wie Charlie Carver, Colton Haynes, Kristen Stewart oder Ellen Page öffentlichkeitswirksam. Das ist ein großer Schritt für die Schauspieler*innen, denn von hier an finden sie sich in sämtlichen queeren Onlineforen und auch ihr Wikipedia-Artikel bekommt direkt eine Randnotiz zu ihrer Sexualität. Dabei sind Stars wie Page, Hynes oder Stewart genau diejenigen Menschen, die jungen Leuten wie mir den Weg ebnen, hin zu einer Gesellschaft, der meine Seuxalität egal ist. Und es sind Kinofilme wie Moonlight oder Call Me by Your Name, die queere Liebesgeschichten so erzählen, dass auch Menschen aus älteren Generationen einen unvoreingenommenen Zugang zu diversen sexuellen Ausrichtungen bekommen. 

 

ChatFlirtDate.jpg

 

Das Coming Out fällt mit jedem Mal leichter

Und eigentlich kann ich mich noch wirklich glücklich schätzen: Denn anstatt mit Homophobie oder Anfeindungen konfrontiert zu werden, stoße ich nach meinen Smalltalk-Outings auf echtes Interesse: An mir als Person und meiner Geschichte. Vielleicht bin auch ich gerade Teil der Generation, die nicht um existenzielle Rechte kämpfen muss, sondern den Weg in der Gesellschaft hin zu einer Selbstverständlichkeit von Queerness ebnen kann. Ja,  dieses ständige Outing ist nervig. Aber, es fällt auch mit jedem Mal leichter: Ich bin nicht mehr der 15-jährige Junge ohne Selbstvertrauen, der sich vor seine versammelte Familie stellen muss. Ich kann mich zu mir bekennen, und damit die Gesellschaft vielleicht sogar noch ein kleines bisschen voranbringen.

 

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23 Kommentare

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Gast
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equinoxeIV

Geschrieben

Hi.
Für was outen? Bin niemandem Rechenschaft schuldig über mein Leben und wie ich es führe. Meine Mutter hat mich in der Jugendzeit mit einem Kerl im Bett erwischt, das war noch in den gegen Ende der siebziger jahre. Kommentiert mit den Worten hab es schon lange geahnt und Ruhe war.

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Fab1988

Geschrieben

Da hast du Recht... Ich meine ich habe mich bis jetzt auch noch nicht getraut meiner Familie zu sagen... Hey Leute ich steh auf Jungs... Obwohl da wahrscheinlich niemand ein Problem mit hätte...🤔 Muddern würde sich wahrscheinlich drüber freuen wenn ich mit nem Mann glücklich bin ... Habe aber schon ab und zu Mal bisschen was angedeutet 😅 ... Bis jetzt weiß es nur ein einziger Menschen und der hat mich im alkoholisierten Zustand in einer Kneipe einfach Mal gefragt ... Und nach 3 bier später habe ich es ihm unter Tränen gestanden ... Und mir ist dabei ein riesen großer Stein vom Herzen gefallen... Durch diese Situation bin ich ein ganzes Stück vorwärts gekommen in meinem Handeln und Denken 🤘

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Vvv

Geschrieben

Man muss sich nicht outen. Mache Leute wissen das man schwul ist.

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Lieutenant_Maverick

Geschrieben (bearbeitet)

Am schlimmsten finde ich es wenn andere einen zwangsouten nach dem Motto " kennst du schon meinen Transgenderfreund Maverick" hach .. man sollte immernoch selbst entscheiden dürfen bei wem man sich outet ( alleine dass man das schon muss ...grrr) statt andern da immer auf die Finger klopppen zu müssen.

bearbeitet von Lieutenant_Maverick

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YoshiFtM

Geschrieben

Muessen tut man gar nicht.
Man(n) kann sich outen, wenn er will.

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nicole_knackarsch

Geschrieben

ich warte immer darauf, dass sich mal öffentlich jemand als hetero outet. solange hetero als das normale gilt ist jedwede andere sexuell ausrichtung unnormal.

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Gast

Geschrieben

Wozu überhaupt outen? Wenn wer was wissen will, soll er fragen. Zu mir ist auch noch keiner gekommen und hat gesagt.. Hey, ich bin hetero...

Joshua

 

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Claudiatv54

Geschrieben

Also ich muss mich jedesmal Guten , viel fragen mich ganz offen. Und die meisten Menschen sehen es eh gleich an der Art wie ich mich gebe und was ich anziehe. Sogar meine Chefin hat kein Problem damit.

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Christian1983

Geschrieben

Outen ist ein Prozess der über jahre oder Jahrzehnte geht....bei mir war dies so.....als ich meine Familie zusammenrief und ich sagte ich bin "Schwul" waren alle 3 erleichtert ..
Meine Mutter sagte nur: das hatte ich schon lang gedacht....meine Schwester weinte vor Glück weil sie dachte ich wäre Schwer Erkrankt....soweit zum positiven...und mein Umfeld hat sich von mir abgewand ....aber das ist mir recht....je stärkdr mich Mitmenschen ablehnen und abscheu zeigen...um so freundlicher begegne ich ihnen...
Das ist mein Weg....und den geht man auch gegen Wiederstände

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Panbärt

Geschrieben

erst wenn sich niemand mehr outen "muss" haben wir gleichberechtigung. ich käme nie auf die idee allen meine sexuelle neigungen zu offenbaren. wer es wissen muss (partner/in) erfährt es am anfang. das muss reichen. mir erzählen heteros auch nicht aus ihrem schlafzimmer

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Lorek

Geschrieben

Warum muss? Wer etwas wissen möchte, der fragt. Wer etwas vermutet, der tuschelt hinter vorgehaltener Hand. So ist das im Leben!

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halloduda

Geschrieben (bearbeitet)

wozu outen? Wenn wer fragt, sage ich es. Aber es fragt niemand. Familie weiss es schon, auch ein paar Freunde. Aber kennt wer jemand der herumläuft und jedem sagt... Ich bin hetero? 

bearbeitet von halloduda
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i-enjoy-gay-sex

Geschrieben

Im Juni 1985 hatte ich mich geoutet, meine Eltern haben cool reagiert, wie auch die meisten in meinem Umfeld.  Es war für mich eine wichtige und prägende Erfahrung auf die ich nicht mehr verzichten möchte, da Sie mich zu einem rundum freien Menschen gemacht hat und der viel sehr viel weiter geben kann.

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youngandsweet94

Geschrieben

bei mir hat mummy ganz schön geschockt geschaut als sie erfahren hat das ihr sohn seinen arsch hinhält :ass:

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69erliebhaber

Geschrieben

Sexualität hat nicht den Familien- und Freundeskreis zu interessieren. Seit Wowereit ist es aber scheinbar schick vor der ganzen Welt die Hosen runter zu lassen.

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hbdietmar

Geschrieben

war für mich sehr einfach und unkompliziert! mit 12 meine ersten sexuellen erfhrungen mit anderen jungs im internat gehabt!

also alles gut!

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engeGrotte

Geschrieben

Warum sollte ich mich outen.....?

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Geschrieben

Naja.. in meiner umgebung , damit meine ich auch Familie hat einmal gereicht...das interessante.. für eine sek alle erstaunt.. danach alles vollkommen egal :) und das wo ich vor dem Outing immer übelst angst hatte.. was währe wenn sie es wissen... lol...fast 30 Jaher angst wegen nix.. nice.. -.-

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Raumduft

Geschrieben

wenn man sich nicht versteckt, weiß es meist eh jeder. und wenn man von anfang an ehrlich ist, störts auch keinen. oder es sind die falschen leute.

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Seat66

Geschrieben

Also ich finde das über flüssig wenn ich es meinen Kindern und meinen Eltern erzähle ist das OK . Allen andere geht es nichts an sonst kann ich mir ja gleich ein Schild umhängen wo drauf steht das ich bi bin. Und wenn mich meine Freunde danach fragen ob ich bi hetro oder schwul bin dann kann ich das ja sagen. Ansonsten ist das Quatsch

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Seat66

Geschrieben

Also ich finde das über flüssig wenn ich es meinen Kindern und meinen Eltern erzähle ist das OK . Allen andere geht es nichts an sonst kann ich mir ja gleich ein Schild umhängen wo drauf steht das ich bi bin. Und wenn mich meine Freunde danach fragen ob ich bi hetro oder schwul bin dann kann ich das ja sagen. Ansonsten ist das Quatsch

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Bi-Scorpio

Geschrieben (bearbeitet)

Ich hatte mich im Dezember 2003, nachdem ich mich getrennt habe von meiner Freundin, geoutet per Brief bei den Alt-Opel- und Ford Kollegen, weil ich Bisexuell bin und habe denen auch diverse Links gesendet per  habe ich mich geoutet, wo ich jeweils mein Profil hatte, mit dem Nick-Namen (Bi-Commodore) - Commodore = altes Opel Modell, denn ich dachte der eine oder andere Kollege sei so wie ich, 2 davon sind Single. Das kam bei denen nicht gut an und seitdem meiden Sie mich. Scheisse, scheisse. 2004 hatte ich auch das Comming-Out daheim, wegen dem Nachbarsohn, wo ich lang ein Verhältnis hatte. Ich musste mit meinen Eltern zu ihm, um zu diskutieren. Seitdem habe ich keinen Kontakt zum Nachbarsohn, den er hätte einen Freund - wir machten damals ab - nur noch Kollegen. 

 

bearbeitet von Bi-Scorpio
zuwenig TEXT mit Begründung.

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glanzberl

Geschrieben

Warum & wo zu muss man sich outen? Wem interessiert es denn ?

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