Braucht es den Gay Pride überhaupt noch? In ihrer Kolumne "Frau Weinhaus und die Nacht" erklärt die Berliner Drag Queen Jacky-Oh Weinhaus warum es so wichtig ist, für unsere sexuellen Freiheiten auf die Straße zu gehen und zu kämpfen.

von Jacky-Oh Weinhaus

 

Es ist Gay Pride Season, meine sehr verehrten Damen, Herren und Mischglechter_innen*. In Berlin, Köln, Leipzig, London, Tel Aviv, Wien, Kopenhagen, Barcelona und so vielen anderen, liberalen und bunten Städten heißt es jetzt wieder: entweder was blödes oder am besten sehr wenig bis gar nix anziehen, tagsüber auf nem Wagen im Sonnenschein zu unerträglich lauter Musik durch eine wild feiernde Stadt zu brausen, sich volllaufen zu lassen und des nächtens, wenn man den ersten Rausch ansatzweise verdaut hat, in nen Club zu rennen um sich die Lampen erneut anzuknipsen. 

 

Gegen das Vergessen

An sich ne wirklich feine Sache. Mach ich ja auch immer. Nur zieh ich dabei nix blödes an sondern sehe immer irrsinnig schön und glamourös aus. Ihr kennt mich ja. Es ist wundervoll diese schillernde Energie der tanzenden Massen auf einem Gay Pride zu spüren und weiterzuleiten und mal so richtig frei zu sein. Wann kann man schon sonst aufm Dach von nem Laster knutschend um die Siegessäule fahren?
 Aber besteht nicht die Möglichkeit, daß wir dabei ein bisschen was vergessen?

 

Warum wir immer noch Gay Prides brauchen

Wenn du Glück hast, ist dein Seil lange genug, dein Genick wird durch dein eigenes Körpergewicht gebrochen oder sogar dein Kopf abgetrennt. Wenn nicht, dann hast du 3-5 Minuten, bis irreversible Hirnschäden entstehen, und dann noch 8,9 oder vielleicht auch 10 Minuten Zeit, bis dein Tot eintritt. Die Schlinge schnürt deinen Hals zu, du spürst den Druck gegen deinen Kehlkopf. Die blutführenden Gefäße zu deinem Gehirn werden komprimiert. Es kommt zum Sauerstoffmangel. Du schnappst nach Luft. Du suchst die Befreiung, windest dich, willst deine Finger zwischen Schlinge und Hals schieben, um das Seil zu lösen, du willst atmen. Doch das kannst du nicht. Deine Hände sind auf deinen Rücken gebunden, deine Beine sind gefesselt – und das auch nur, um die Arbeit des Henkers zu erleichtern.

 


Mahmoud Asgari, 16,  und Ayaz Marhoni, 18, beide homosexuell, jeweils 228 Peitschenhiebe, Tod durch Erhängen, Iran.
 

 

Die Hinrichtung durch Erhängen ist eine gängige Methode in Ländern, in denen Homosexualität und homosexuelle Handlungen unter Strafe stehen. Nur ist es nicht einmal nötig, daß du homosexuell handelst.  Alleine nicht geschlechtskonform zu sein reicht aus, um dich von der Bildfläche verschwinden zu lassen.  Sei es durch den Staat oder durch die Gesellschaft, in der du dich bewegst. 

 


Gabriel Fernandez, 8, vermeintlich schwul, zu Tode gequält, USA.
 


Im Jahr 2018 gab es weltweit über 369 Morde an trans* oder nicht genderkonformen Menschen. Dabei ist die Dunkelziffer wesentlich höher, da in den Polizeiberichten das Geschlecht oft falsch eingeordnet und nicht in einen klaren Mordzusammenhang gebracht wird. Nach einem Bericht der LGBT Rights Group „Grupo Gay de Bahia“ gab es allein in Brasilien im Jahr 2017  387 Morde. Nicht selten werden die Verbrechen weder aufgeklärt, noch nach den Mördern gesucht. Laut Berichten wurden im Iran seit der Revolution im Jahr 1979 über 6000 Homosexuelle erhängt. Das bedeutet, daß im Schnitt alle 2 Tage ein Mensch wegen vermeintlicher Homosexualität im Iran stirbt.  Alle 2 Tage. Und das nur im Iran. 

 


Hande Kader, 22, trans*, vergewaltigt und verbrannt, Türkei.
 

 

Ungeachtet des Sachverhaltes und der Tatsachen, wirst du, egal wie alt du bist, welches Geschlecht oder welche Sexualität du hast, zum Ziel des Hasses, nur weil du von der Norm abweichst. Nicht nur der Erniedrigung wegen, sondern auch um an Namen und Informationen über andere Personen der LGBTIQ*-Community zu gelangen, wird die Folter eingesetzt.

 


Elisha Walker, 20, trans*, über ein halbes Jahr vermisst, ermordet und verscharrt, USA. 
 


Elektroschocks rangieren als beliebtestes Foltermittel ziemlich weit oben: Sie sind billig, einfach zu steuern, wahnsinnig effektiv – und hinterlassen selten offensichtliche Spuren physischer Gewalt. Ob mit einem elektrischen Viehtreiber oder mit der nächsten Autobatterie: Mit genügend Volt kann so eine Elektroschock-Folter viele Stunden dauern. Es fühlt sich so an, als würde jemand an allen Nerven-Enden deines Körpers gleichzeitig zerren, um sie aus deinem Körper zu entfernen. Beliebt bei der sogenannten Tschetschenischen Säuberungsaktion gegen LGBTIQ* waren elektrische Stöße in die Genitalien, was den Kontrollverlust der Blase zu Folge hat - oder in den Arsch, was auch hier zum Kontrollverlust über die Muskulatur führt und weswegen sich viele der Opfer eingeschissen haben. Über sowas redet man nicht gerne. Aber es gehört leider tatsächlich zum Leben und zur Erfahrung von LGBTIQ*s.

 


Joey und Anisha van Nierkerk, 32 und 30, lesbisches Ehepaar, vergewaltigt, angezündet, Südafrika.
 


In Saudi-Arabien ist es nicht unüblich homosexuelle Handlungen mit bis zu 7000, ja SIEBENTAUSEND, Peitschenhieben zu bestrafen. Diese Hiebe bekommst du nicht auf einmal, sondern über Tage hinweg. Wie oft diese oder ähnliche Strafen in dem sogenannten „Gottesstaat“ verhängt werden, kann nicht nachvollzogen werden, da es keine freie Presse gibt. 

 


Marielle Franco, 39, lesbisch, erschossen, Brasilien
 


Weltweit werden derzeit (Stand: Mai 2012) Homosexuelle in 78 der 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen strafrechtlich verfolgt, so etwa in Nigeria, Uganda, Tansania, Simbabwe, Angola, Jamaika, Belize, den meisten islamischen Staaten, wobei in fünf dieser Länder – Iran, Jemen, Sudan, Saudi-Arabien und Mauretanien – sowie in Teilen Nigerias und Somalias die Todesstrafe für gleichgeschlechtlichen Verkehr vorgesehen ist. In Indien und dem Irak ist die rechtliche Lage unklar oder nicht überschaubar.

 


Selimchan Bakajew, tschetschenischer Popstar, 25, im August 2017 nach Verhaftung verschwunden, kein Lebenszeichen, Tschetschenien.
 

 

Klingt so, als wären Hass und Gewalt gegen dich sehr weit weg. Aber: In Polen und Lettland werden Veranstaltungen wie Prides von der Regierung verboten oder mit massiver Gewalt bekämpft, die von den Kirchen und rechtsradikalen Nationalisten geschürt wird. In Polen sind in letzter Zeit Forderungen einiger führender Politiker laut geworden, Homosexuelle in Lagern zu internieren bzw. aus Polen zu eliminieren. Im Jahr 2007 wurde über ein Gesetz beraten, das selbst die Erwähnung von Homosexualität für Lehrer unter Strafe stellen soll. So wird auch verboten, aufzuklären, wie sich homosexuelle Männer vor Aids schützen können. Lehrer, die dagegen verstoßen, können aus dem Schuldienst entlassen werden. In der UNO versuchen der Vatikan und die islamischen Staaten gemeinsam, allein nur die Diskussion über die Menschenrechtslage für Schwule und Lesben zu verhindern.

 


Vladislav Tornovoj, 23, schwul, verprügelt, vergewaltigt, erschlagen, Russland.
 

 

Ein Phänomen nur im Ausland? Weit gefehlt. Dem Innenministerium nach hat es 2017 in Deutschland mindestens 300 homo- oder trans*phob motivierte Straftaten gegeben. Dabei zählte das Anti-Gewalt-Projekt MANEO allein in Berlin schon 324 Angriffe und Beleidigungen gegen Schwule, Lesben und Trans*-Personen. Die Gewalt nimmt damit statistisch nicht ab. Sie wächst.

 


Nastja Sapaew, 42, von Hooligans zu Tode geprügelt, Russland. 
 


Egal ob du ausgepeitscht oder verprügelt wirst, ob man dir die Zähne ausschlägt, egal ob man dir eine abgebrochene Flasche in die Scheide oder den Arsch rammt, egal ob du durch Enthauptung schnell stirbst oder über Tage zu Tode gequält wirst – es passiert nur, weil du nicht heterosexuell bist. Es passiert nicht ab und zu. Es passiert ständig, jeden Tag. „Phobie“ gegen dich gibt es überall. Egal ob vom Staat initiiert, geduldet oder untersagt. Dieser Hass, diese Gewalt sind real. Wenn man Studien glaubt, dann sind mindestens 10% der Weltbevölkerung NICHT heterosexuell. 10%. 
Homo- oder bisexuell, trans*, intersexuell, genderfluid und pansexuell und noch so vieles mehr. 10% von 7 Milliarden Menschen.

 

Wir müssen zusammen stark sein

Und genau deshalb brauchen wir Gay Prides. Wir müssen zusammen halten, wir müssen stark sein. Wir müssen laut sein. Wir müssen gemeinsam unsere bunten Stimmen erheben und beweisen, daß wir hier sind. 
Geht auf die Straßen und lasst eure Stimmen ertönen, damit sie jede_r* hören kann. Jede_r*. Auch im weit entfernten „Gottesstaat“ werden sie uns hören. 
Lasst unsere restlichen 10% nicht alleine und lasst uns gemeinsam versuchen, ihnen diese Freiheit zu bringen, die wir so oft spüren und die sie so oft so sehr brauchen. Der Kampf geht weiter. 

CSD 2020 – Anders, aber nicht weniger WICHTIG!

"Die CSD’s sind Deutschlands größte Bürger*innenbewegung von und für die LSBTIQ*-Community. In diesem Jahr sind sie von den Einschränkungen durch das Coronavirus und dessen Auswirkungen betroffen. Eine Demonstration in Zeiten von #WIRBLEIBENZUHAUSE durchzuführen ist nahezu unmöglich. Und wir alle bemühen uns um Lösungen und Alternativen.", schreibt der CSD Deutschland e.V. und erinnert daran, dass "die Gesundheit der Bevölkerung bei unserem Handeln im Vordergrund stehen muss und unsere Planung von Alternativangeboten, Online-Prides und den behördlichen Vorgaben entsprechenden Kleindemonstrationen bestimmt." Er fordert aber ausdrücklich dazu auf, dass wir uns unserer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein müssen und jetzt erst recht, Sichtbarkeit zeigen müssen. 
                                                 

:eyes: Frau Weinhaus und die Nacht - die Gay.de Kolumne

 

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Coverbild © Leander Brandstädt,


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7 Kommentare

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Bifritz

Geschrieben

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Michse

Geschrieben

Aber ja, denn so lange, Menschen wegen ihrer Neigung, beschimpft und diskriminiert werden, müssen, Menschen dagegenhalten.

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versauterpauli

Geschrieben (bearbeitet)

Auf jeden Fall weitermachen mit Gaypride, ich kenne einen 24jährigen aus Gambia, der sich nichts anmerken lassen darf, weil er sonst verprügelt wird. Habe ihn sogar besucht und selbst im Hotel war er sich nicht sicher, das da keine Kameras installiert waren. Er hatte schlichtweg Angst und dagegen müssen wir vorgehen !

bearbeitet von versauterpauli

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Oskar147

Geschrieben

Ich weiß nicht. Nur solange noch solche Kommentare zu so einer Frage auch hier noch geschrieben werden bin ich der Meinung das es noch nötig ist. Vielleicht ist die Ausrichtung und das wofür die Teilnehmer kämpfen anders geworden. Aber scheinbar darf doch noch nicht jeder das machen was einen gefällt. Selbstdarstellung ist jetzt auch nicht mein Ding aber wen es anderen gefällt habe ich nicht das Recht darüber zu Ortsteilen. Das steht mir auch nicht zu. Es ist schließlich auch ein Teil unserer Gemeinschaft auch wen nicht alle es gut finde.

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HaJo_G-Team

Geschrieben

Dies ist meine ganz persönliche Meinung dazu:

Ohne Zweifel ist es auch in der heutigen Zeit noch ebenso richtig wie wichtig für die Rechte Homosexueller auf die Straße zu gehen, ebenso wie für alle anderen Minderheiten. Das darf auch niemals aufhören, jedenfalls solange nicht wie es noch Länder gibt, in denen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung hingerichtet werden.

Allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob das auch die Motivation der schrill gekleideten und geschminkten Hobby-Travestiekünstler ist, welche die CSD's in Deutschland zu einer Art zweiten Karneval machen. Der ursprüngliche Sinn des "Christopher-Street-Days" wird kaum noch wahrgenommen, und ist vielen - vor allem den jüngeren Teilnehmern - kaum noch geläufig. Vielmehr geht es nur noch um sehen und gesehen werden. 

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Roney

Geschrieben

vor 5 Stunden, schrieb Raumduft:

ist doch nur noch party. für selbstdarsteller und andere komische leute.

Du meinst sicher, ...ist auch Party ;-) 
 

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Raumduft

Geschrieben

ist doch nur noch party. für selbstdarsteller und andere komische leute.

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