“Ach, noch ein Twink mehr?”, schallte es mir neulich entgegen, als ich auf der Einweihungsparty eines Freundes aufkreuzte. Mir blickten knapp sieben junge, unbehaarte Typen entgegen – und ich schaute ertappt zurück. Okay, es stimmt: Unter den Gay Tribes bin ein Vorzeige-Twink, wie er im Buche steht. Aber, mal ganz davon abgesehen, dass man Menschen grundsätzlich nicht in Kategorien einteilen sollte, ging mir die Frage den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf: Woher kommen Otter, Bears, Daddys und Co eigentlich?

von Alex Baur

 

Tatsächlich stammen Bears, Otter, Pups und Daddys aus dem Amerika der 1960er Jahre. Zu dieser Zeit stand Homosexualität in den USA nämlich unter hohen Strafen: Schwule Männer und Lesben mussten sich in geheimen Bars in New York im Untergrund treffen, um ihre Sexualität auszuleben. Wurde jemand beim gleichgeschlechtlichen Sex erwischt, fand diese Nachricht oft ihren Weg in Lokalzeitungen – so wurde gezielt Hetze gegen queere Menschen betrieben. Um also ja nicht Opfer eines solchen Rufmords zu werden, wurde die LGBTQ+ Szene in Amerika kreativ und entwickelten eine Art Code, mit dem sie untereinander kommunizieren konnten, ohne dabei in der Öffentlichkeit aufzufallen.

 

Die Gay Tribes sind ein Code

Während unter Cruising (was übersetzt eigentlich “herumkreuzen” bedeutet) die Suche nach Sex an öffentlichen Plätzen gemeint war, wurden auch die ersten schwulen Männer Teil des Sprachcodes, der heute noch immer besteht: Closeted Gays waren schon damals schwule Jungs, die ihr Coming-out (übrigens auch ein Wort, das seinen Ursprung in dieser Zeit hat) noch nicht gehabt hatten. Je größer die Szene im Untergrund wurde, desto mehr Slang entstand auch in den New-Yorker Bars, in denen sich der Großteil des queeren Lebens abspielte.

 

Twinks, Bears, Daddys - diese Kategorien gibt es

Die Codesprache machte auch vor dem Rest der schwulen Männer keinen Halt und teilte sie hauptsächlich anhand von oberflächlichen Merkmalen, die man sich leicht merken konnte, in Kategorien ein:

  • Bears: Behaarte, massige Typen, vergleichbar mit Bären. Die Bear-Szene ist international riesig und entwickelte sich parallel in den USA und Europa. Eines der bekanntesten Magazine der gay-culture ist das 1987 gegründete BEAR-Magazine, von dem es mittlerweile auch eine deutsche Ausgabe gibt.
  • Twinks: Jüngere Typen, die oftmals schlank und unbehaart sind. Wo genau das Wort Twink herkommt, ist bis heute übrigens nicht genau geklärt. Verschiedene Kulturwissenschaftler*innen gehen allerdings davon aus, dass es sich dabei um eine Anspielung auf die “Twinkie-Cakes” handelt, einen kleinen, beliebten Fertigkuchen mit Cremefüllung.
  • Hunks: Muskulöse, junge Typen. Das Wort “Hunk” hat seinen Ursprung eigentlich im Holländischen und bedeutet soviel wie “großes Stück” – aufgrund ihres breiten, trainierten Körpers erhielten Hunks diese Bezeichnung.
  • Daddys: Ältere, attraktive Männer. Der ältere “Daddy” nimmt in einer Beziehung mit einem jüngeren Mann manchmal auch die Rolle eines fürsorglichen, sorgsamen Vaters ein. Generell werden aber auch Männer mittleren Alters, die sehr attraktiv sind als Daddys bezeichnet.
  • Jocks: Sportliche Typen, ähnlich wie Hunks. Die Bezeichnung wird aber oft auch abwertend genutzt: Jocks wird trotz sportlichem Talent mangelnde Intelligenz nachgesagt.
  • Otter: Behaarte, athletische Männer. Im Grunde sind Otter den Bears optisch ähnlich, allerdings sind sie in der Regel schlanker.
  • Trans*: Trans* Menschen sind eigentlich kein Gay-Tribe; vielmehr bezeichnet das Wort Trans* all diejenigen Menschen, deren persönliche  Geschlechtsidentität nicht mit dem ihnen von der Gesellschaft zugeschriebenen binären Geschlecht übereinstimmt.

 

ChatFlirtDate.jpg

 

Gay Pornos beeinflussen unsere Sexualität

Auch, wenn nach den Stonewall Riots heutzutage zumindest in der westlichen Welt die Diskriminierung queerer Menschen stetig abnimmt und die meisten von uns sich nicht mehr davor fürchten müssen, ihre Sexualität auszuleben, benutzen wir sie immer noch, die schwulen Codewörter: Beim Online-Dating können wir damit nach Männern, die optisch genau unserem Geschmack entsprechen, filtern. Und auch die riesige, schwule Pornoindustrie übernimmt noch immer die Sprache, die ihren Anfang vor mehr als 60 Jahren hat in ihren Filmchen: Hunks mit Daddys, Twinks mit Bears, Otter mit Pups.

 

Soll man sich wirklich in eine Rolle pressen lassen?

Dass ich selbst ein Twink bin, habe ich auch recht schnell herausgefunden. Dass ich um diese Kategorisierungen nicht immer ganz herumkomme, auch. Trotzdem wehre ich mich dagegen, in irgendwelche Rollen gepresst zu werden. Denn was früher für die schwulen Männer zur Zeit ihrer Verfolgung ein Lebensretter war, ist für viele von uns heute ein Korsett. Und auf Partys bin ich nicht ein Twink, sondern zuallererst mal Alex.  

 

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8 Kommentare

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Geschrieben

Kenne niemanden der genau in eine der Kategorien passt. Ist doch fast immer eine Mischung , sonst wär's doch auch schnell langweilig

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Neugieriger84

Geschrieben

Warum macht ihr das so kompliziert? Einer hält hin und der andere steckt ihn rein!

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Tho1978

Geschrieben

Ich habe WhatsApp

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Neugieriger84

Geschrieben

Vom otter hab ich in der beziehung noch nie gehört

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schotka

Geschrieben

entweder absterbender Ast, oder up bzw. app

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glanzberl

Geschrieben

Deutsche Sprache / wörter is woll auf dem ap sterbenden Ast

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Geschrieben

Einigen schon 😊

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Raumduft

Geschrieben

mit deutschen wörtern umzugehen, fällt wohl immer noch schwer.

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